Kletterblatt 2013 - page 35

Baumpflege
Praxis
Verletzungszeiten ohne Verlauf
Es wurden lediglich vier bis fünf
Zeitpunkte für die Verletzungen
ausgewählt. In welcher physiolo-
gischen Phase sich die einzelnen
Bäumen zu diesem Zeitpunkt be-
fanden, wurde weder untersucht
noch wurde auch nur ansatzweise
auf die Thematik eingegangen. Am
Ende bezieht sich die Empfehlung
auf die ganze Vegetationszeit, ob-
wohl nur 4-5 von 365Tagen alsVer-
letzungszeit ausgewählt wurden. Der physiologische
Zustand der Bäume ändert sich aber von Tag zu Tag
(siehe meine Auflistung oben im Artikel). Auch dies
wurde nicht weiter diskutiert.
Falsche Schlussfolgerungen
Die Methodik oder die Darstellung der Ergebnisse
hätten mich an sich nicht verwundert. Es ist oft un-
möglich, auf direktemWege zu Ergebnissen zu kom-
men, weshalb es normal ist, durch Indizien oder Ab-
straktionen zu weiteren Erkenntnissen zu kommen.
Aber wasmich an dieser Veröffentlichung schockiert,
war die –wie ichmeine – folgenschwere, nicht zuläs-
sige Schlussfolgerung über den Einfluss der Schnitt-
zeit, die aus den Versuchsergebnissen abgeleitet wor-
den ist. Sie ist m. E. falsch. Sie mündet am Ende in
einer schlichten monokausalen Empfehlung für alle
Laubbäume, „am besten zu Ende oder zu Beginn der
Vegetation zu schneiden“, als gäbe es die selbst von
den Autoren zitierten Unterschiede nicht. Diese
Schlussfolgerung kann m. E. aus den vorhandenen
Daten nicht hergeleitet werden, weil die Verletzungen
nicht praxisgerecht waren und andere Einflussfak-
toren überhaupt nicht berücksichtigt wurden. Das
Tragische ist, dass die Empfehlungen zumGlaubens-
bekenntnis einer ganzen Branche geworden sind.
Einziges Ergebnis
Die einzigenErgebnisse in der oben zitiertenArbeit,
die konkrete Aussagen zulassen, sind die Unter-
schiede und z. T. gegensätzliche
Reaktionen bei den Baumarten,
was auf baumartenspezifische
Abwehr-Strategien hindeutet,
was die Autoren auch so benen-
nen. DieUnterschiede sind so klar
und deutlich, dass auch ohne sta-
tistische Signifikanz die getrof-
fenen Schlussfolgerungen ge-
macht werden dürfen. Allerdings
muss trotzdem zumindest in der
Diskussion darauf hingewiesen
werden, dass auch diese „klaren“
Unterschiede nicht statistisch abgesichert sind.
(Eine ausführlichere Darstellung meiner Kritik-
punkte zur Veröffentlichung finden Sie auf Baum-
pflegeportal.de unter demThema Baumschnittzeit.)
Der richtige Blick
Welche Auswirkungen unterschiedliche Schnitt-
zeiten langfristig haben und ob man Bohrungen mit
fachgerechtemSchnitt gleichsetzen kann, dazu konn-
te ichnoch keineUntersuchungen finden.Wohl kenne
ich aber viele Beispiele aus der Praxis, die in meinen
Augen klar zeigen, dass beispielsweise der Energie-
haushalt des Baumes und die Schnittführung sehr
oft, wahrscheinlich sogar in denmeistenFällen, mehr
Einfluss auf Folgeschäden haben als Abschottung
und Kallusbildung.
Schnittführung, Schnittstärke, Schnittmethode,
Schnittzeit, sind in Ihrer Wechselwirkung viel kom-
plizierter, als wir es uns wünschen. Wenn man dann
nochWitterung davor und danach, Schädlingsbefall,
Infektionsgrad und Nährstoffzustand hinzunimmt,
das Baumalter, den Baumzustand, die Baumart und
den phänologischenZeitpunkt in die Betrachtungmit
einfließen lässt, muss eigentlich jedem klar werden,
dass wir etwas bescheidener und leiser werden müs-
sen in dem, was wir glauben zuwissen. Mit einfachen
Rezeptenwie „Schnitt während der Vegetation“ kom-
menwir hier nichtweiter, imGegenteil. Eine derartige
Pauschalierung ist sogar gefährlich für Bäume.
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