Prusik-Schlinge als Corona-Hilfe: „Ich schütze mich, um Dich zu schützen“

Annette Michel ist eine der „vielen wenigen“ Frauen, die mit Begeisterung und Leidenschaft selbständige Baumpflegerin sind. „Wenigen“ deshalb, weil der Prozentsatz der Frauen in der kletternden Zunft bei gerade mal fünf Prozent liegen dürfte (eigene Schätzung). „Vielen wenigen“ deshalb, weil von den wenigen viele selbständig arbeiten. Und sie ist eine Macherin mit dem Herz am rechten Fleck. In der heißen Anfangsphase von Corona stellte sie fest: „Menschen um mich herum infizieren sich und sterben, weil es an Masken mangelt – ich kann nähen!“. Kurzerhand stellte sie ihre Kletterausrüstung zur Seite und bestellte sich eine Nähmaschine.

Sparschwein mit Mund-Nasen-Maske„Ein Schnittmuster war schnell besorgt. Die Beschaffung der Materialien hingegen war nicht einfach. War kein Stoff vorhanden, musste das Bettlaken dran glauben. Gummilitzen waren schnell ausverkauft, so musste eben die Wurfschnur herhalten. Anfangs war aufgrund der unterschiedlichen Stoffe und der verschiedenen Aufhängungen fast jede Maske ein Unikat.

Es ist kein Abwägen oder Hadern, was mich in solch katastrophalen Situationen aktiv werden lässt. Es ist ein Impuls und lässt sich auf drei simple Wörter reduzieren: Es tut Not. Ein alter Mann hatte wahrscheinlich einen ähnlichen Impuls. Er hat mit seinen zarten 100 Jahren mit seinem Rollator 100 Runden in seinem Garten gedreht und damit Geld gesammelt, um das britische Gesundheitssystem zu unterstützen. Und wenn auch ich dazu beitragen kann, dass eine so schwerwiegende Situation sich entspannen und entzerren kann, dann mache ich das – einfach so.

Ein bisschen, ein ganz kleines bisschen, so wünsche ich es mir zumindest, habe ich im Kleinen eventuell dazu beigetragen, dass an manchem Ort eine meiner Masken jemanden schützen und helfen kann. Wenn ich ganz großes Glück habe, hat sie vielleicht sogar ein Leben gerettet. Und es war kein großer Aufwand zu helfen. Zu Hause bleiben und nähen, das war alles. Für einige Wochen auf unsere Wohlstandsaktivitäten verzichten, mehr nicht.“

Annette Michel

Annette hat auch für unsere Firma Masken genäht. War ein Schwung fertig, wurden sie verpackt, mit Schokolädchen versehen und zu uns geschickt. So habe ich die Entwicklung hin zur Perfektion verfolgen können. Ich fand die Wurfschnurversion sehr passend für unsere Branche. Und ihre Idee, mittels doppeltem Spierenstich die Aufhängung verstellbar zu machen, war großartig. Gut, dass wir im SKT-A-Kurs einst diesen Knoten gelehrt haben.

Meine Lieblings- und Final-Version war die Variante „Prusik-Rundschlinge“. Die Rundschlinge kann in der Größe durch Auseinanderziehen des doppelten Spierenstichs verstellt werden. Die Maske selbst wird bei dieser Variante nicht mit der Kordel vernäht, sondern umnäht. So kann die angelegte Maske entlang der Schlinge hoch und runter geschoben werden, ohne dass dafür die Schlinge vom Ohr genommen werden muss. Die Form der Maske und die richtige Längeneinstellung der Rundschlinge sorgen für guten Halt auf der Nase! Wird die Maske längere Zeit nicht benötigt, reicht es, lediglich die obere Ohrschlinge über den Kopf zurück zu ziehen. Nun hängt die Rundschlinge lose um den Hals wie eine „Perlenkette“. Wertvoll ist sie allemal. Sehr praktisch!

Es war eine geniale Übertragung einer Idee aus der Baumpflege als Lösung für das Beheben eines Notstandes zum Schutz der Gesundheit und vielleicht sogar des Lebens von Menschen. Die Idee muss man erst mal haben. Und dann muss man es auch umsetzen. Beides hat Annette Michel vorbildlich gemacht. Danke Annette, mehr davon!


 

Der Autor: Johannes Bilharz (E-Mail)
Dipl. Ing.-Agr., Münchner Baumkletterschule

 

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