Kletterblatt 2004 - page 12

und ich kann leider nur noch 5 bis 10 mal im
Jahr dabei sein. Aber ich war noch nie der Guru
unserer Schule und möchte es auch nicht sein.
Das würde nur den Nachwuchs blockieren und
verhindern, dass sich andere kreativ einbringen
können. Wir haben intelligente und pfiffige Köpfe,
die mitmachen und mitdenken, die sich einbrin-
gen. Es sind also nicht allein meine Vorstellun-
gen, die wir umsetzen. Und es ist einfach mein
Stil mit anderen zusammen Ideen zu entwickeln.
Nur Dummköpfe wissen auf alle Fragen eine
Antwort.
Die Schule hat einen Ausbilderstamm von 35
Ausbildern, leidet darunter nicht die Erfah-
rung?
Die hohe Zahl an Ausbildern ist zunächst not-
wendig, weil es keinem zuzumuten
ist, vier Wochen im Monat in
Deutschland unterwegs zu sein.
Die Ausbilder haben Familie
und eigene Betriebe, die nicht
vernachlässigt werden wollen
und letztendlich darf der Spaß
auch nicht verloren gehen.
Allerdings verlan-
gen wir von un-
seren Ausbildern
sehr viel Kletter-
praxis. Wer nur
ein- oder zweimal
im Jahr Kurse macht,
der kann nur dann als
Ausbilder tätig sein, wenn
er hauptsächlich mit der
Klettertechnik arbeitet.
Wir legen großen Wert
darauf, dass neben der
Fähigkeit, Wissen und
Technik zu vermitteln
auch klettertechnisch eine
herausragende Leistung
erbracht wird. Aufgrund
der hohen Zahl an Kur-
sen ist es allerdings für
Interview
unsere Kursleiter keine Schwierigkeit, genügend
Kurspraxis zu bekommen. Im letzten Jahr war
beispielsweise der aktivste Kursleiter Willie Freese
21 Kurswochen für uns unterwegs.
Wie lassen sich so viele Individualisten unter
einen Hut bringen?
Das ist in der Tat nicht ganz einfach. Wir versu-
chen, durch permanente Information via E-Mail
alle auf dem Laufenden zu halten und gehen
regelmäßig jedes Jahr für 3 Tage in Klausur, wo
Strategien und Ausbildungsstandards diskutiert
werden. Im letzten Jahr haben wir ein Gremium
von 7 Kursleitern gebildet, das bei wichtigen Ent-
scheidungen mit hinzugezogen wird, etwa wenn
es darum geht, neue Ausbilder aufzunehmen
oder sich von Ausbildern zu verabschieden....
...ist das schon vorgekommen?
Leider ja. Das sind immer schwierige Auseinan-
dersetzungen, wo oft über Freundschaften hin-
weg entschieden werden muss. Aber zum Glück
muss ich das nicht mehr alleine entscheiden. Ich
betrachte das Gremium als hilfreiche Stütze.
Schließlich identifiziert sich jeder unserer Aus-
bilder mit der Münchner Baumkletterschule und
da ist es nur zu verständlich und auch richtig,
dass man mitgestalten und mitbestimmen
möchte, wer dabei ist und wie man auftritt.
Dies macht zwar Entscheidungen manchmal
etwas langwieriger, aber bringt die Sache sehr
viel schneller auf ein höheres Niveau.
Wenn so viele Kletterer ausgebildet werden,
besteht da nicht die Gefahr, dass „Hinz und
Kunz“ nun die Möglichkeit erhalten, Bäume
zu verstümmeln?
„Hinz und Kunz“ gab es auch schon vor der Le-
galisierung der Motorsäge und wird es möglicher-
weise immer geben. Wir haben aber durch die
Kurse die Möglichkeit, eine Woche lang Leute
für gute Baumpflege zu begeistern. Woher sollen
„Hinz und Kunz“ wissen, was gute Baumpflege
ist, wenn sie nicht irgendwann einmal mit Leu-
ten zusammenkommen, die mit Können und
Wissen begeistern und überzeugen können. Man
überzeugt nicht, indem man mit dem Finger auf
Leute zeigt, sondern indem man ihnen die Hand
reicht und sie für die Sache zu gewinnen ver-
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