Alleskönner im Spartentheater: „Sind Sie Bergsteiger?“ ist nach „Sind Sie auch schon mal runter gefallen?“ die Frage, die sich der Baumkletterer auf der Baumstelle vielleicht am häufigsten anhören muss. Warum ist das so?
Seilklettertechnik, wie sie heute gelehrt und praktiziert wird, gibt es in der Baumpflege noch nicht sehr lange. Selbst die Baumpflege ist, dank der Arbeit vieler engagierter Menschen, einem Neuerungsdruck ausgesetzt, dass man mit seinem vor Jahren erworbenen Wissen bald im Abseits steht, wenn man sich nicht weiterbildet. Unsere Kunden, die privaten und auch die kommunalen Baumeigentümer, können unmöglich über den aktuellen Stand der Technik informiert sein, wenn sie nicht zufällig ein eigenes Interesse daran haben. Während die Frage nach dem Absturz vielleicht noch aus reiner Sensationslust gestellt wird, ist die Bergsteigerfrage ein ganz normaler Rückgriff auf Bekanntes, um etwas Neues einzuordnen und zu verstehen. Es ist absolut menschlich, das Unbekannte zuerst über Assoziationen zu erschließen. Zudem werden bestimmten Berufs- oder Personengruppen bestimmte Fähigkeiten zugeordnet. Bei Krankheit hilft der Arzt, wenn es brennt, ruft man die Feuerwehr und das Haus plant der Architekt.
Bei Problemen mit Bäumen wurde häufig zuerst der Förster gefragt, der im Studium vor 25 Jahren vor allem das Erziehen ertragreicher und stabiler Waldbestände gelehrt bekommen hat und vielleicht nicht mehr Kenntnisse über den Zottigen Schillerporling, den Brandkrustenpilz und den Unglücksbalken besitzt, als der Baumeigentümer. Musste ein Baum geschnitten werden, wurde eventuell die Feuerwehr mit der Drehleiter und der Motorsäge aktiviert oder der Forstarbeiter mit dem geliehenen Hubsteiger oder der arme Gärtner mit seiner zwölf Meter Anstellleiter.
Die Baumkletterer, als relativ neue Gruppe, müssen sich erst etablieren. Da hilft keine Überheblichkeit gegenüber Förstern, Gärtnern oder Kunden, sondern Aufklärungsarbeit. Die fachliche Seite ist vielleicht noch einfach zu erklären. Wer den Zustand des Baumes nicht einschätzen kann, wird kaum die richtige Schnittmaßnahme empfehlen. Schwerwiegende, ungerechtfertigte Eingriffe in die Baumkrone und schlechte Schnittführung können dem Baum schaden. Schwieriger wird es schon, dem Laien die technische Seite zu erläutern. Wer einen Gurt und einen Helm trägt und am Seil hängt, ist Bergsteiger. Doch es gibt wesentliche Unterschiede zwischen Bergsteigern und Baumkletterern. Die wichtigsten habe ich in Tabelle 1 gegenübergestellt.
| Baumkletterer | Bergsteiger/Felskletterer |
| Ankerpunkt immer oberhalb | Ankerpunkt im Aufstieg unterhalb |
| Seil immer straff | Seil meist locker |
| halbstatisches Seil | dynamisches Seil |
| Pendelsturz möglich, Fallsturz nicht | Fallsturz möglich |
| Eigensicherung | Fremdsicherung durch 2. Person |
| verstellbares Halteseil für Arbeitsposition | |
| Verwendung von Kambiumschonern |
Tabelle 1
Neben den Bergsteigern gibt es noch weitere Personengruppen, die mit Gurten und Seilen zu tun haben, zum Beispiel Höhlenkletterer, Höhenarbeiter und Höhenretter. Diese Kletterer haben mit den Baumkletterern einiges gemein. Sie arbeiten zumeist mit oberhalb liegenden Ankerpunkten, verwenden halbstatische oder statische Seile und werden auch gefragt, ob sie Bergsteiger sind.
Seit es die SKT-Ausbildung für die Baumpflege gibt, werden von den Schulen jährlich hunderte Baumkletterer ausgebildet. Das ist gut, weil es den Bekanntheitsgrad des Arbeitsverfahrens erhöht. Das ist für den einzelnen Kletterer mitunter auch schlecht, weil die gerade entdeckte Lücke im Überangebot der Dienstleistenden nun plötzlich durch fünf Mitbewerber in unmittelbarer Nachbarschaft wieder geschlossen wird. Und da ist es noch von Vorteil, wenn diese Mitbewerber wenigstens ausgebildet sind und ebensoviel in Ausrüstung und Fortbildung investiert haben. Dann sind sie nämlich an das gleiche Preisgefüge gebunden. Da die Qualität in der Vergabe von Baumpflegeaufträgen leider oft nur eine untergeordnete Rolle spielt, ist das nicht unwichtig. So entscheidet vielleicht das Auftreten oder die Nähe zum Kunden. Sind die Mitbewerber jedoch Quereinsteiger, die ohne Investition in der Baumpflege noch ein paar schnelle Euro mitnehmen wollen, ist dort sowohl preislich als auch qualitativ ein geringeres Niveau zu erwarten.
Was kann der Baumkletterer tun, um am Markt zu bestehen? Zum einen besteht die Möglichkeit, sich über Jahre durch brillante Arbeit einen Ruf zu schaffen, der unabhängig von preislichen Entwicklungen ein konstantes Auftragsvolumen sichert. Zum anderen kann er sein Leistungsprofil erweitern. Wenn sowieso schon eine gewisse Verwandtschaft zu den Höhenarbeitern besteht, warum sollte man seine Leistungen nicht auch auf deren Markt anbieten? Wenn ohnehin schon einige Male gefragt wurde, ob man nicht den Efeu von der Burgmauer entfernen, für die Wohnungsgenossenschaft ein Transparent anbringen oder Sanierungsarbeiten am Kirchturm ausführen kann, liegt der Gedanke nahe. Hier besteht jedoch die Gefahr, denselben Quereinsteigerfehler zu machen, den wir bei der Konkurrenz gerade so scharf kritisieren wollen. SKT (Seilklettertechnik) in der Baumpflege und SZT (Seilzugangstechnik) für Höhenarbeiten sind verschiedene Arbeitsverfahren, die weder in die eine noch in die andere Richtung einfach übertragbar sind (siehe Tabelle 2).
| SKT Baumpflege | SZT Höhenarbeiten |
| ein umlaufendes Seil | zwei stehende Seile |
| natürliche Ankerpunkte (Astgabeln) | künstliche Ankerpunkte |
| Sitzen/Hängen im Gurt und Stehen | Sitzen/Hängen im Gurt |
| Be- und Entlastung im System | meist permanente Last im System |
| Klemmknoten oder LockJack | Auf- und Abseilgerät |
| 2. Sicherung in Arbeitsposition | immer 2. Sicherung, mitlaufend |
| vorwiegend Sägenarbeit | meist technische Arbeiten |
Tabelle 2
Das Interesse für Arbeiten in der Höhe und der Umgang mit Seilen und Karabinern sind gute Voraussetzungen auf dem Weg zum Höhenarbeiter, können aber nicht an die Stelle einer fundierten Ausbildung treten. In diesem Punkt sind SKT und SZT dann doch identisch.
Jedem Baumkletterer, der sein Betätigungsfeld um die Höhenarbeiten mit SZT erweitern will, sei eine Ausbildung also wärmstens empfohlen. Wenn man mit einer Schule gute Erfahrungen gemacht hat, kommt man gern auf deren Angebot zurück. Die Ausbilder der Münchner Baumkletterschule sehen deshalb viele Kursteilnehmer häufiger. Wer die SKT dort erlernt hat, kommt nicht selten zum Fortgeschrittenenkurs zurück, absolviert die Ausbildung zum Sachkundigen für PSA oder belegt einen Kurs zu den Themen Baumschnitt oder Baumbeurteilung.
Die Münchner Baumkletterschule hat auf die Anregungen ihrer Kunden reagiert und eine neue Schule geschaffen, in der altbekannte Ausbilder, die auch in der täglichen Praxis mit SKT und SZT arbeiten, den Weg in die „anderen“ Höhen ebnen.
Jede Technik ist in der Praxis nur so gut wie ihr Anwender. Gehen Sie hoch ran!
| Der Autor: Bernhard Schütte (E-Mail) Dipl.-Ing. Forstwissenschaft, Fa. happy tree Baumpflege, seit 6 Jahren Ausbildungsleiter im Team der Münchner Baumkletterschule |
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