Darf’s ein bisschen mehr sein? Kraft und Masse richtig einteilen

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Immer wieder stellt sich auf der Baustelle die Frage, wie groß das Stück Holz sein darf, das geriggt werden soll. Dazu im Folgenden ein paar Überlegungen.

1. Baustellenplanung

Es ist niemandem geholfen, wenn ich große Stücke absäge, und dann am Boden nicht genügend Personal da ist, das Material stressfrei aufzuarbeiten: Die Kolleginnen fühlen sich erdrückt angesichts der schieren Masse – im schlimmsten Fall ist jemand alleine am Boden. Und ich muss oben warten, habe nichts zu tun und im Winter wird mir obendrein auch noch kalt. Wahrscheinlich regnet es dann auch noch.

2. Sinnvolle Platzierung der Rollen

Zeichnung vom Ablassen eines abgesägten Astes via RiggingWenn ich es schaffe, den Ast/Stamm, an dem die Umlenkung installiert ist, im Moment der Kraftspitze auf Druck zu belasten, kann ich ihm ein Vielfaches von dem zumuten, was er quer zur Faser hält. Das gelingt mir zum einen dadurch, dass ich die Seilverläufe so gestalte, dass der Ast/Stamm die Winkelhalbierende zwischen den abgewinkelten Seilen bildet (Abbildung 1). Bei der Fichtenfällung reicht mir da eine Rolle, bei großen Laubbäumen bedarf es schon mal mehrerer Rollen (Drei bis fünf sind durchaus üblich). Kleine Anmerkung am Rande für die Physikbegeisterten unter Euch: Je größer die Reibung in der Umlenkung ist, desto weiter entfernt sich die Kraftresultierende (Kräfteparallelogramm) von der Winkelhalbierenden. Solange wir aber Rollen installieren, ist das bei unserer Planung unwichtig. Nutze ich Astgabeln als Umlenkung, wird das relevant.

Zum anderen kann ich über die Steuerung des Ablassvorgangs dafür sorgen, dass die Kraftspitze erst dann auftritt, wenn sich die pendelnde Last an der richtigen Stelle befindet. Beispiel Fichtenfällung: Ich halte die fallende Spitze zu Beginn ihrer Kreisbahn nur mit wenig Zug auf dem Seil und erhöhe den Zug erst auf 6 Uhr. Dazu brauche ich erstens ein gutes Bremsgerät am Stammfuß (z. B. Poller) und zweitens viel Erfahrung. Wenn’s klappt, kommt von oben ein Lob und die Zahnärztin-Prüfung ist so gut wie bestanden.

3. Abschätzung des Holzgewichtes

Um mein Riggingsystem nicht zu überlasten, bedarf es einer kleinen Überschlagsrechnung.

Zeichnung eines Stammstückes mit Riggingseil umwickeltBeispiel: Ein 50 kN Seil ist ein Seil, das bei fünf Tonnen versagt. (Physikbegeisterte wissen, dass das nur so ungefähr stimmt, aber für unsere Abschätzung reicht das.) Um von der Bruchlast zur Nutzlast zu gelangen, rechne ich im Bereich ‚Rigging‘ mit dem Sicherheitsfaktor 5, wenn der Hersteller keine anderen Angaben macht (im PSA-Bereich mit dem Faktor zehn). Mit dieser verbleibenden einen Tonne könnte ich mein Seil belasten, ohne dass es zu Schäden kommt. Da das Seil aber üblicherweise mit einem Knoten angeschlagen wird (Abbildung 2), ziehe ich nochmal 50 Prozent ab (bei Polyamid und Polyester): Es bleiben 500 kg Holzgewicht übrig. Diese Angabe bezieht sich auf eine statische Riggingsituation. Will heißen: Das Holz wird abgesägt und verbleibt genau an der Stelle. Es belastet das Seil nur mit seiner Gewichtskraft. Die Regel dürfte aber sein, dass mein Holz erst ein Stück in das Seil fällt, durchsackt, pendelt oder: Die eingebrachte Kraft übersteigt die Gewichtskraft. Eigene Messungen ergaben, dass hier der Faktor fünf die Realität ganz gut abdeckt. Damit bleiben für meine dynamische Riggingsituation 100 kg Holzgewicht für das 5000 kg Seil übrig. Nicht viel! Jetzt darf aber auch Unvorhergesehenes passieren, ohne dass es zu einem Versagen kommt. Es können auch 200 kg sicher geriggt werden, aber nur wenn alles nach Plan läuft.

Mache ich diese Rechnung statt für das Seil, für die Rolle, komme ich auf das gleiche Ergebnis, da ich zwar keinen Knoten in die Rolle mache, aber die Halbierung der Last dadurch entsteht, dass auf jeder Seite der Rolle nur 50 Prozent hängen dürfen, um die angegebenen 100 Prozent zu erreichen. Auf einem meiner Rigging-am-Modell-Kurse errechnete jemand die Lastabschätzung völlig anders und kam auf 120 kg. Für mich das gleiche Ergebnis, da es um eine überschlägige Abschätzung geht.

Wenn alles gut läuft, greifen Kletterinnen, Bodenpersonal, Baum und Riggingsystem gut aufeinander abgestimmt ineinander. Dann kann eigentlich nur noch die Sonne scheinen – zumindest im Herzen.

Der Autor: Dirk Lingens
Ausbilder der Münchner Baumkletterschule, Inhaber von KLETTERdienste, Entwickler, Großabschneider und Langsamfahrer

 

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