Rigging am Modell

Innovation in der Ausbildung: Rigging-Kurse sind per se außerordentlich aufwändig und störungsanfällig. Dirk Lingens wollte sich mit diesem Zustand nicht abfinden und hatte sich deshalb Gedanken darüber gemacht, wie Rigging einfacher und auch effektiver gelehrt und geübt werden kann.

Rigging ist ein zentraler Bestandteil der SKT-Baumarbeiten. Darüber hinaus hat Rigging auch ein hohes Gefahrenpotential. Entsprechend gut sollte deshalb die Ausbildung sein. Allerdings haben die bis dato üblichen Rigging-Kurse einige Nachteile und sind organisatorisch nicht leicht zu handhaben.

Traditionelle Riggingausbildung hat Nachteile

• Die Rüst- und Aufräumzeiten sind sehr langwierig.
• Das Niveau der Teilnehmer variiert sehr stark: wenn Anfänger und Spitzenkletterer in einem Rigging-Kurs nebeneinander arbeiten, bringt das nicht nur zeitliche Probleme.
• Je größer der Baum, desto aufwändiger wird die Technik.

Diese Faktoren führen dazu, dass die eigentliche Lehrzeit unter Umständen stark reduziert wird. Dazu kommen auch noch technische Probleme:

• Die Inhalte der Kurse sind sehr baustellenabhängig: Nicht überall läßt sich eine Seilbahn aufbauen, und an einer ausladenden Buche kann man keine Techniken zeigen, die man gerade bei einer Fichtenreihe bräuchte.
• Ein guter Rigging-Kurs muss natürlich auch auf potenzielle Gefahren eingehen. In einem konkreten Baum können jedoch nur die spezifischen Gefahrensituationen besprochen werden. Die übrigen müssen abstrakt und ohne Anschauungsobjekt vermittelt werden
• Manche Fragen der Teilnehmer zu Arbeitssituationen lassen sich mangels Baustellenrealität nicht immer angemessen beantworten.
• Schließlich ist es auch nicht einfach, immer wieder geeignete Kursstandorte zu finden und das Wetter kümmert sich in der Regel auch nicht darum, ob es den Riggern gerade recht ist, wenn es mit einem Sturmtief anrückt.

Ein neues Modell
Bei so vielen Nachteilen müsste es doch eine alternative Möglichkeit geben, dachte sich Dirk Lingens. Und tatsächlich entstand im Laufe des letzten Jahres die Idee, die Riggingausbildung ausschließlich an einem etwa zwei Meter großen Modell durchzuführen. Auf SKT-B-Kursen hatte Lingens bereits erfolgreich ein kleineres Modell zur Unterstützung der Riggingausbildung eingesetzt. Wieso sollte dies nicht auch für den Riggingkurs funktionieren?

Zunächst wurde eine Liste mit etwa 15 Techniken erstellt sowie ein Skript geschrieben und gezeichnet. In intensiven Diskussionen mit anderen Ausbildern wurde das Konzept so lange verfeinert und bearbeitet, bis schließlich ein schlüssiges Kurskonzept entstanden war.

Zeitgleich wurde ein Modell aus Pappel- und Weidenästen gebaut. Bei diesem Modell handelt es sich um ein erweiterbares Grundgerüst, an das zusätzlich Äste oder Stämme angesteckt werden können. Was abgesägt werden muss, kann abgesägt werden. Die gesamte Ausrüstung wurde miniaturisiert.

Der Kurs am Modell baut auf den Inhalten des B-Kurses auf. Er zeigt mit Anwendungsbeispielen die verschiedenen Riggingtechniken. Gefahren und Alternativen werden am Modell durchgespielt. Wichtige Knoten und weiterführende Ausrüstung sind ebenso Bestandteile des Kurses. Von den drei gezeigten Schnitttechniken mit der Motorsäge kann nur eine nicht am Modell gezeigt werden. Hier dient ein etwa 100 mal 30 Zentimeter großes und verspanntes Holzstück als Demonstrationsobjekt. Am Ende des Kurses können auch Fragen der Teilnehmer direkt am Modell erörtert werden.

Vorteile der Ausbildung am Modell
Inzwischen hat sich der Kurs im Alltag bewährt. Auch wenn noch einige Fragezeichen zu beantworten waren, liegen die Vorteile dieses Kurssystems klar auf der Hand:

• Alle Kursteilnehmer sind unmittelbar am Geschehen.
• Da es mehr Lehrzeit gibt, lassen sich viele Techniken genauer und intensiver zeigen; mit allen Variationen und Gefahren.
• Es besteht keine Abhängigkeit vom Baum oder von der Baustelle. Der Kurs kann praktisch in jedem Raum durchgeführt werden – bei jedem Wetter.
• Zulassungsvoraussetzungen gibt es nicht: Auch Bodenleute ohne SKT-Ausbildung können dabei sein – nicht, um es oben im Baum anzuwenden, sondern, um zu verstehen, was der Kollege oben im Baum plant und macht.
• Was gezeigt wird, steht auch im Skript, und was im Skript steht, kann auch immer gezeigt werden.
• Und was natürlich viele Teilnehmer besonders erfreut: da nicht nur vier, sondern maximal 20 Teil-nehmer dabei sein können, reduziert sich die Kursgebühr.

Natürlich kann auch dieses Kurskonzept nicht alles bieten. So bekommt man z. B. am Modell kein Gefühl dafür, wie schwer 300 Kilogramm Holz tatsächlich sind. Auch wird grundsätzlich eine gewisse Transferleistung erwartet. Das Spinnenbein am Modell sieht jedoch anders aus als das im Baum. Das Prinzip ist aber gleich. Für Ideengeber Lingens wäre es zwar wünschenswert, wenn am Folgetag die gezeigten Techniken unter Anleitung umgesetzt werden könnten, doch dies sei für alle Teilnehmer logistisch kaum umsetzbar – „noch nicht!“.

Gilt noch immer: Praxis macht den Meister
Die Riggingausbildung am Modell funktioniert gut. Die Teilnehmer bekommen viel Input. Es bleibt sehr viel Raum, Techniken und deren Gefahren und Alternativen zu analysieren sowie Fragen zu klären. Das Modell bietet die Möglichkeit, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Es wäre aber ein Irrtum zu glauben, ein „Modell-Kurs“ kann die praktische Übung ersetzen. Rigging am Modell bietet viele Anregungen und ist ein Modul der Weiterbildung, wenn es darum geht, Baustellen sicher gestalten zu können.

Der Ideengeber: Dirk Lingens
Selbständiger Baumpfleger, Ausbilder der Münchner Baumkletterschule, Autor des Buches Baumknoten
Weitere Informationen

 
Online blättern im Kletterblatt 2010: "Rigging am Modell" Nach oben
 

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