Felix Graf ist überzeugter Baumpfleger. Er liebt seinen Beruf und die Bäume. Aber er sieht den Konflikt, in den man kommen kann, wenn man beides miteinander verbinden will. In den Wipfeln eines Baumes macht er sich Gedanken zum Thema Arbeitswelt Baumpflege.
Links von mir sehe ich die Baumkronen von Eschen und Eichen. Mit großen Astausbrüchen, Höhlungen, erstaunlich langen abgestorbenen Ästen. Ein durch seine Wildheit geordnetes Durcheinander, ein natürliches Bild, ein Bild von Natur. Mein Seil sagt, dass ich 25 bis 30 Meter über dem Boden bin. Ich blicke über einen Bestand von alten Laubbäumen. Unter mir fließt ein Bach. Zu beiden Seiten geht es steil den Hang in das kleine Tal hinunter. Der Bach sucht sich seinen Weg, ansonsten gibt es keinen. Ein paar Wildwechsel kann man von hier oben sehen. Und Absperrband.
Blicke ich nach rechts, sehe ich, was auch meine Aufgabe für den Tag sein wird. Um bis zu 20 Prozent zurückgeschnittene Kronen, kein Totholz nirgendwo. Die Äste der Bäume talabwärts enden abrupt an Schnitten, die Kronen haben eine Form. Alle Baumkronen haben die gleiche Form. Möglichst symmetrisch stehen sie da. Keine Stämmlinge und unglaublich langen Äste, bei denen man sich wundert, wie das halten kann, so lange halten konnte. Leer geputzt steht der Bestand, sauber, fast steril.
Es geht darum, die Verkehrssicherheit herzustellen. In diesem Fall eine schwierige Aufgabe, da es schlicht keinen Verkehr gibt unter den Bäumen. Wer keinen Verkehr hat, braucht selten ein Kondom. Jemand, dem die Verantwortung für die Bäume der Gemeinde zugeschrieben wurde hat Angst, es könnte etwas passieren. Und bei so dickem Totholz muss ja was passieren. Die ZTV spricht von Gefahrentotholz ab 4 cm Durchmesser. Je dicker das Totholz, möchte mancher meinen, desto größer die Gefahr.
Ich arbeite seit 8 Jahren als Baumpfleger. Anfangs glaubte ich, man würde für die Bäume arbeiten. Doch Bäume zahlen schlecht. Wir arbeiten für die Kundschaft, für die AuftraggeberInnen. Unsere Aufgabe ist, Bäume so zu gestalten, dass sie kompatibel sind mit den Menschen um sie herum. Verkehrssicherheit, Lichtraumprofil, Einkürzungen, Totholz, Fällungen. Einem Baum 20% seiner Blattmasse zu nehmen verkürzt die Lebensdauer des Baumes. So wie die meisten Fällungen.
„Warum muss der Baum eigentlich gefällt werden?“ frage ich manchmal, ährend ich am Fällen bin. „Der macht viel zu viel Dreck“, antwortet jemand. „Machen wir auch, und uns gibt’s immer noch.“, sage ich darauf und lasse die Säge ins Holz fahren.
Die Arbeit macht mir Spaß. Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen. Natürlich fälle ich am liebsten augenscheinlich gesunde Bäume. Das ist sicherer und besser einzuschätzen, als durch die extreme Trockenheit und Hitze abgestorbene Birken und Kiefern abtragen zu müssen. Es macht Sinn, Bäume in der Umgebung von Menschen sicher zu gestalten. Über einem Schotterweg am Waldrand über Kilometer das Totholz bis in die zweite, dritte Reihe zu entfernen und vermeintlich überlange Äste einzukürzen ist sinnentleert und entweder falsch verstandenem Verantwortungsbewusstsein, also Feigheit, oder Geldgeilheit geschuldet.
Oft fragen Menschen mit Bäumen in ihrer unmittelbaren Umgebung, ob diese wohl auch bei Sturm noch stehen blieben. Bei den aktuell immer extremer werdenden Wetterlagen ist das auch bei vitalen Bäumen schwer zu sagen. Die Ursache davon sind auf eine Art die Bäume und Wälder von vor Millionen Jahren, die wir jetzt als Erdöl und Kohle verheizen.
In der aktuellen ökologischen und klimatischen Katastrophe ist es für die Menschen im Allgemeinen weniger gefährlich, wenn ein Baum irgendwo steht. Gefährlich wird es, wenn er fehlt. Wir als Baumpf leger müssen zum Glück keine Bäume im Akkord fällen und wären von der Bedienung eines Harvesters überfordert. Im Vergleich zu den Rodungen beim Ausbau einer Autobahn scheinen die einzelnen Bäume und Baumteile, die wir entfernen, eine lächerliche Größe zu sein.
Statt Bäume dem Menschen und seinen irrationalen Bedürfnissen anzupassen, wäre es besser, die Menschen und deren Handeln auf die Bedürfnisse der heimischen Bäume hin auszurichten. Die vertragen weder sauren noch zu wenig Regen, können mit verschmutztem Wasser und vierspurigen Autobahnen wenig anfangen. Hitzewellen und Frost nach der Blüte, Klimawandel im Allgemeinen ist nicht so deren Ding. Versiegelte Flächen finden die zum Kotzen. Die müssen ja auch nie vorm Lidl parken. Den meisten Bäumen ist egal, was wir von ihnen halten. Solange wir uns fern von ihnen halten.
| Der Autor: Felix Graf ( Baumpflege Graf) Seit 9 Jahren selbständiger Baumpfleger in Nürnberg und Umgebung Studierte vor seiner Baumpflegerzeit Politik und Philosophie (B.A.) |

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