Oliver Paul zog es nach Kolumbien. Dort wohnen die Schwiegereltern des Baumpflegers aus Nürnberg. Im Frühjahr 2017 ging es für 7 Wochen mit seiner Frau Sylvia und seiner 1-jährigen Tochter Luna Sophie in das 9200 km entfernte Kolumbien. Mit viel Kletterausrüstung im Gepäck!
Das erste, was ich nach einem elfstündigen Flug in Bogotá am Morgen nach der Ankunft wahrnahm, war die Andentanne vor unserem Hotelfenster.Das nenne ich eine Begrüßung, dachte ich. Würde demnächst wohl ein Condor am Himmel auftauchen? War aber nicht so. Nach einem weiteren 30-minütigen Flug erreichten wir unser Ziel: Bucaramanga, eine Stadt mit mehr als 500.000 Einwohnern. Hier war das Klima komplett anders als in Bogota. Hatte ich – Flachlandei aus Nürnberg – dort auf 2600 m Höhe keine Probleme wegen des Klimas und der Höhenluft, so wedelten mich die 28 Grad hier fast von den Beinen!
In Bucaramanga gibt es viel Parks und Grünanlagen. In einem dieser Parks fielen mir die vielen freilaufenden Schildkröten auf und die hohen Bambushorste, die sich entlang eines Flussbettes besonders wohl zu fühlen scheinen. Mit diesem Material lassen sich sicherlich gut Gerüste errichten. Hier stehen auch viele Obstbaumarten. Überhaupt ist Kolumbien reich an Fruchtbäumen. Einer davon ist die Avocado, die als Hausbaum und selbst als Straßenbaum hier überall wächst. Solche sonderbaren Avocados, ein Traum in Größe und Geschmack! Und hier außerdem ein Genuss ohne Reue.
Plötzlich sahen wir auch das Maskottchen des Parks, ein Zweifingerfaultier. Es hing in seinem Futterbaum auf 8 m Höhe und beobachtete uns. Sehr entspannt, der Kumpel, dachte ich. Wir sollten solch eine Position an unserem Arbeitsplatz auch des Öfteren mal einnehmen. Auch die Epiphyten auf den an sich schon beeindruckenden Bäumen, wie Louisianamoos oder Philodendron sind sehr beeindruckend. Das absolute Highlight in diesem Garten aber, ist ein gigantischer Feigenbaum, El Higueron genannt. In seinen Brettwurzelanläufen kann sich locker eine halbe Fußballmannschaft verstecken, die Höhe vermute ich bei 35 m aufwärts. Die Gattung ist überhaupt mit mehreren Arten sehr präsent in der kolumbianischen Flora.
Hier am Fuß dieses alten Feigenveteranen kam bei mir der Wunsch auf, einen dieser Bäume zu erklettern. Und tatsächlich wurde mein Wunsch erfüllt. Knapp zwei Wochen später machten wir einen Ausflug der besonderen Art. Ein Kurzurlaub auf der Hacienda El Roble. Hier, in einem Landhaus aus der Zeit der Konquistadoren, wurden wir von Polizei- und Miltärjeeps empfangen. Ein Heli knatterte in der Luft: Wir platzten gerade in ein Gelage des Verteidigungsministers, samt großer Entourage hinein. „Das ist typisch für Kolumbien“ kommentierte meine Frau die Szene.
Hier fand ich meinen Baum: Einen Steinwurf von unserm Zimmer entfernt, ca. 35 – 40 m hoch! Ein Korallenbaum mit nahezu glatter, etwas längsrissiger silberner Borke und einem Kronenansatz auf etwa 25 m. Stattlich, wie die Beine eines Dinosauriers stehen er und seine Artgenossen da beieinander. Sie werden auch gerne in Kaffee-Plantagen zur Beschattung sowie Gründüngung des wertvollen Unterwuchses verwendet.
Beim Aufstieg waren schon mehr Versuche als sonst notwendig, um überhaupt einen der unteren Äste mit der Wurfschnur zu erreichen. Eine ausreichend starke Astgabel direkt am Stamm schien mir letztlich passend und die letzten Meter in die Spitze würde ich dann ohne Aufstiegsseil bewältigen. Wenn man sein Kurzsicherungssystem im Selbstbau so konfiguriert, dass auch dass andere Ende eine fertige Kurzsicherung bietet, ist das kein Problem. Dann ist, wenn man nach dem Ausbau aus dem Wechselaufstieg das statische Seil „hinterher zieht“, eine doppelte Sicherung jederzeit möglich. Mein Set bestand aus einem 60 m Sterling HTP Static Seil, einem Rope Wrench der ersten Generation (ZK-1) und dem Wurfset mit leichten Säckchen. Da ich mich auf 23 kg Reisegepäck beschränken musste, blieb neben den Klamotten leider nicht mehr viel Platz für das sonst so übliche Equipment.
Der Tag war nicht mehr so jung, doch war es mit 27 Grad und leicht bewölktem Wetter zum Glück noch nicht so heiß. Ich wollte endlich die Aussicht von oben genießen, hielt mich jedoch moderat im Urlauber-Aufstiegs-Tempo. Das Kleinklima dort, die mannigfachen Düfte aus den Kaffeebüschen und vielen andern Blütenpflanzen ist so krass und so pausierte ich gerne, um die verschiedenen Blickwinkel auszukosten. Oben angekommen empfing mich ein wahres Flammenmeer in orangeroten Blüten. Die 10 – 20 cm langen Traubenblüten sind im Aufbau etwas vergleichbar mit den hiesigen Robinien- oder Goldregenblüten, ein Hülsenfrüchtler, nur eben schöner!
Auf der Rückreise machten wir noch einen kleinen Trip auf die Hochebene der östlichen Kordilleren, nach Berlin. Dieses Berlin liegt auf 3200 m und als alter Hauptstädter wollte ich ein Bild: Ich vor Berlin. Leider ist das Dorf so winzig, dass nicht einmal ein Ortsschild existiert. Dafür aber eine Kirche, ein Bistro und eine schwer verschanzte Polizeistation die daran erinnert, dass hier noch Kämpfe mit den Rebellen der ELN stattfinden.
Vor unserer Abreise gab ich im Baumpflegebetrieb meines Schwiegervaters den Mitarbeitern noch einen Überblick über die Techniken und Materialien, die beim Einkürzen von Kronenteilen nützlich und sinnvoll sind. Einmal krachte nach dem Schneiden etwas auf das Wellblechdach eines Lagerraumes: Patschh! Gleich darauf kam es zu wilden, fluchtartigen Laufgeräuschen. Wegen des dichten Blattwerks des Gallínero konnte ich jedoch nichts sehen. Durch die Iguana-Rufe von unten wurde mir aber schnell klar, dass ich einen Leguan samt seinem Ruheplatz abgeschossen haben musste. Das tat mir natürlich ehrlich leid. Die Tiere sind jedoch robust gebaut, jedenfalls sah der grüne Leguan, den mir Oscar präsentierte, immer noch quicklebendig aus.
Und dann waren wir auch schon bald wieder zuhause. Aber eines ist sicher: Wir kommen wieder, auch wenn es zwei oder noch mehr Jahre dauern wird. Gurt & Seil werden natürlich wieder dabei sein, und bei der Sprache will ich bis dahin auch Fortschritte gemacht haben.
| Der Autor: Oliver Paul Baumpfleger in Nürnberg |
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