Die Einordnung der Seilklettertechnik in der Baumkletterei – Ein Deutungsversuch

Verfasst von

in

,

Von Baumkletterern wird mittlerweile oft die Frage gestellt oder es wird diskutiert, ob nun das stehende Einfachseil oder das laufende Doppelseil die bessere Technik darstellt. Lasst mich Spielverderber sein und ausplaudern, es ist normal, dass sich bei neuen Techniken gerne Lager bilden aus Befürwortern und Gegnern der alten und neuen Technik. So war es bei Einführung der Seilklettertechnik zwischen Hubarbeitsbühnen-Einsatz und Klettertechnik. So ist es derzeit noch oft mit der Stehend-Seil- und der Umlaufend-Seil-Technik. Viele haben eine feste Meinung oder Überzeugung und sind eingefleischte Fans der einen oder anderen Technik.

Am Ende werden alle wieder verwundert feststellen, ein „Entweder/Oder“ ist Quatsch. Es besteht auch kein Grund für eine „Schwarz/Weiß“-Antwort. Ganz im Gegenteil bieten sowohl das stehende Einfachseil als auch das umlaufende Doppelseil unter ergonomischen, effizienzbezogenen, sicherheitsrelevanten als auch unter Baumschutz bezogenen Gesichtspunkten Vorzüge. Wer beides beherrscht, wird klar im Vorteil sein. Jede Technik dort einsetzen, wo die Vorteile einen hohen Nutzen haben. Das macht einen erfolgreichen Unternehmer aus, aber auch einen erfolgreichen und guten Baumkletterer.

Was mir aber noch nicht so ganz klar ist, das sind die Begrifflichkeiten und deren Abkürzungen. SRT, SKT, DdRT, MRT, klingt irgendwie nach Hip-Hop. MfG war ja nicht umsonst 1999 der Hip-Hop-Hit der Fantastischen Vier (im Gründungsjahr der MBKS; Zufall?). Oder war der Hit etwa eine Persiflage? Und steckt hinter MRT vielleicht doch eher die Magnetresonanztomographie?

Die Begrifflichkeiten sind sicherlich noch im Fluss und noch nicht einheitlich eingelesen. Das zeichnet eine Umbruchphase aus und ist normal. Am Ende müssen sich Begriffe durchsetzen. „Vier gewinnt“, fantastisch! Das ist echte gelebte Demokratie. Als guter überzeugter Demokrat weiß ich, dass ich mitgestalten kann. Deshalb hier ein Versuch, Euch für Begrifflichkeiten bzw. für die Deutung von Abkürzungen zu gewinnen:

SKT

Der Begriff SKT (Seilklettertechnik) hat sich für die Baumkletterei etabliert. Ich habe mich schon immer gefragt, wieso eigentlich. Wahrscheinlich, weil bei anderen Klettertechniken wie z.B. dem Sportklettern, das Seil für das eigentliche Klettern keine große Bedeutung hat, im Sportklettern gar oft nur im Ernstfall eine Funktion besitzt. Hingegen ist das Seil beim Baumklettern tatsächlich Bestandteil der Technik. Letztlich ist es egal, die Abkürzung hat sich etabliert.

Nicht so die Bedeutung. Da in den Anfängen immer nur die Umlaufende Seilklettertechnik (= Hüftschwung, ihr wisst schon!) Anwendung fand, wurde der Begriff SKT oft auch als Synonym für diese umlaufende Seil-Technik verwendet. Ich meine aber, der Begriff SKT sagt mehr aus und sollte allgemeiner gefasst werden. Es geht doch darum, sich mittels Seiltechnik die Baumkrone zu erschließen. Wer in ausladenden Baumkronen klettert und die Techniken und Körperbewegungen dafür beherrscht, weiß, dass dies sich kaum mit anderen Kletterarten vergleichen lässt. Die SKT hat somit klar ein Alleinstellungsmerkmal, was sie von allen anderen Techniken unterscheidet (z.B. Seilzugangstechniken in der Industrie, Höhlenklettern, Absicherung auf Dächern, Sportklettern usw.). Zu SKT würde ich deshalb alle Techniken zählen, die für das Klettern in Baumkronen unter Baumkletterern anerkannter Stand der Technik sind. Mithin auch von vielen praktiziert wird. Somit stünde SKT sowohl für stehend oder umlaufend, einfach oder doppelt.

DdRT und MRT

Mit DdRT ist das Klettern am umlaufenden Doppelseil gemeint (engl. „Doubled Rope Technique“). Was mich an der Abkürzung stört, sind nicht nur die vier Buchstaben statt drei. Es stört mich auch, dass dieser Begriff eigentlich auch für das Footlock zutrifft. Dort sind ebenfalls zwei Seilstränge vorhanden. Diese bewegen sich aber nicht.

Stattdessen plädiere ich für MRT. Diese Abkürzung wird immer öfters im internationalen Sprachgebrauch verwendet. Das „M“ steht hier für Bewegung: „Moving Rope Technique“, zu Deutsch: „Sich bewegendes Seil Technik“. Diese Benennung beschreibt meines Erachtens den entscheidenden Sachverhalt treffend. Es handelt sich um ein Seil, dass sich beim Klettern in Längsrichtung bewegt, es läuft!

SRT

SRT ist die mittlerweile populäre Abkürzung für „Single Rope Technique.“ Mir ist nicht ganz klar, weshalb das „S“ für „Single“ steht. Denn auch bei MRT wird nur mit einem Seil geklettert. Gemeint waren natürlich die Seilstränge, die der Kletterer vor sich hat. Beim umlaufenden Seil sieht er „doppelt“, d. h. er hat zwei Seilstränge vor sich, beim stehenden Seil nur einen. Trotzdem dreht es sich bei beiden Techniken immer nur um ein Seil. Deshalb plädiere ich dafür, den ebenfalls gebräuchlichen Begriff „Stationary“, im Sinne von „stehend“ für das „S“ zu verwenden. Das trifft den Sachverhalt meiner Meinung nach besser, als die Übersetzung „Single“, im Sinne von „einfach, oder einzeln“. „Stationary“ oder „stehend“ sagt, worauf es tatsächlich ankommt, nämlich, dass das Seil sich in Längsrichtung nicht bewegt!

Frage: Passt die Footlock-Technik in diese Stehend-Seil-Kategorie? Ich meine Nein. Footlock gehört meines Erachtens in eine eigene Kategorie für Auf- und Abstiegstechniken, da sie weder zum Klettern in der Krone genutzt wird, noch dafür geeignet ist. Nach meiner obigen Definition gehört sie also nicht zum Begriff SKT. Footlock ist eine reine Aufstiegstechnik (engl. „Ascending“). Wie wäre es mit der Abkürzung ACDC? (engl. für „Ascending and Descending Techniques“). Oder ist das zu krass?

Fazit

Sollten sich diese Definitionen durchsetzen, so würden in SKT-Kursen sowohl MRT als auch SRT trainiert, durchaus auch mal „lupenrein“ als SRT- oder MRTKurse. Niemand muss für oder gegen etwas sein. Wir nehmen uns einfach die Freiheit, situativ nach Anforderungen und ja, sicherlich hier und da auch nach persönlichen Vorlieben, uns für die ein oder andere Technik zu entscheiden. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass noch viele Ideen sprießen, die mit Sicherheit auch Lösungen hervorbringen, sowohl bei den Baumkletterern und im Nachgang natürlich auch bei den Herstellern. Diese werden die Wahl der angewendeten Technik künftig mit beeinflussen. Es bleibt spannend.

Und was bedeutet „Fantastische Vier“ in der Baumpflege? Auf alle Fälle die vier Buchstaben MBKS, wenn es schon ACDC nicht in die Baumpflege schafft.

Bleibt munter!

Johannes

Tipp
Alle Kletterblatt-Artikel von Johannes Bilharz finden Sie hier im Kletterblatt-Archiv.

 

Der Autor: Johannes Bilharz (Münchner Baumkletterschule)
Gründer und Mitinhaber der Münchner Baumkletterschule

 
Online blättern im Kletterblatt 2019: "Die Einordnung der Seilklettertechnik in der Baumkletterei – Ein Deutungsversuch" Nach oben
 

Kommentare

Schreibe einen Kommentar