Baumklettern als Erlebnispädagogik

Baumklettern als Medium der Abenteuer- und Erlebnispädagogik an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Andre Becker berichtet über Projekte, in denen die Schulung in der SKT und das Baumklettern als pädagogische Elemente eingesetzt werden.

Baumklettern als ErlebnispädagogikSeit etwa zehn Jahren bietet „baumwege“, in Kooperation mit der Fachhochschule Frankfurt im Rahmen des Seminars „Abenteuer- und Erlebnispädagogik“ Studenten an, Baumklettern als pädagogisches Medium kennen zu lernen. Mit großer Begeisterung wurde dieses umwelt- und abenteurpädagogische Medium aufgenommen. Seit 2014 gibt es unter dem Titel „baumwege – ein Sychomotorikkonzept im urbanen Raum“ einen Lehrauftrag, der die Wirkung von Bäumen in ein pädagogisches Konzept einbezieht und sie für den Transfer von Mensch zu Mensch, zu sich selbst und zur Natur zum Gegenstand des Erlebens macht. Erstmals in Deutschland bietet die Fachhochschule Frankfurt nun auch in der zweijährigen berufsbegleitenden Weiterbildung „Abenteuer- und Erlebnispädagogik in der sozialen Arbeit“ Baumklettern als Medium der Erlebnispädagogik an.

Im Sinne des Frankfurter Modells spricht man von Erlebnispädagogik, wenn die Elemente Natur, Individuum, Gemeinschaft und Erlebnis im Rahmen von Natursportarten pädagogisch zielgerichtet miteinander verbunden werden. Im Gegensatz oder als Ausgleich zu dem herkömmlichen, stark kognitiv ausgerichteten schulischen Lernen setzt EP auf ein hauptsächlich handlungsorientiertes, praktisches Lernen. Auf Lernen durch Erfahrung.

Baumklettern als ErlebnispädagogikAls deutscher Begründer der Erlebnispädagogik wird zumeist Kurt Hahn (1886 – 1974) genannt. Die von ihm entwickelte Erlebnistherapie gilt als Grundlage für das heutige Verständnis von Erlebnispädagogik. Hahn war der Ansicht, dass die Zivilisation krank sei und den Jugendlichen bereits vor ihrem Eintritt ins Erwachsenenalter die nötige Kraft raube. Um diesem Problem entgegenzuwirken, entwickelte Hahn verschiedene Schulen, die sich den Verfallserscheinungen der Moderne widmen sollten. Die von ihm diagnostizierten Verfallserscheinungen und die daraus resultierenden Handlungsaufforderungen dem entgegenzuwirken, sind bis heute aktuell; aus meiner Sicht, aktueller denn je. Hahn beschreibt den Mangel an menschlicher Anteilnahme, die fehlende Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen, er vermisst gegenseitige Hilfe und Wertschätzung und er beschreibt den Verfall der körperlichen Tauglichkeit und Sorgsamkeit. Ebenso diagnostiziert er einen Rückgang der Kreativität, Fantasie und Spontanität. Um dem entgegenzuwirken, richtete Hahn sogenannte Kurzschulen ein, um die Jugend auf das Leben vorzubereiten, beziehungsweise ihr das nötige Rüstzeug für die „Fahrt ins Leben“ zu verschaffen. Er setzte den von ihm genannten Verfallserscheinungen im Rahmen der Erlebnistherapie verschiedene Aktionsformen entgegen, die zum Teil heute als Grundlage für das Frankfurter Modell dienen. Er initiierte Projekte, führte Expeditionen durch und organisierte die Seenotrettung durch Jugendliche vor der Küste Englands.

Der Rettungsdienst zeichnete sich durch die starke Wirkung aus, die die Dynamik des Rettens auf die Jugendlichen ausüben konnte; er sollte eine Gegenform zu gewalttätigen Handlungen darstellen. Dem Einzelnen kann sich durch seinen persönlichen Einsatz und für den Dienst an einer anderen Person eine neue Lebensperspektive eröffnen.

Dieser Effekt ist bei der Baumrettung deutlich spürbar, die wir in manchen Settings ähnlich der Ausbildungssituation (SKT) durchführen. Auch sonst gibt es einige Parallelen zum Klettern in der Baumpflege. Das Ziel unserer Projekte ist jedoch nicht besonders gute Kletterer auszubilden, sondern Räume zu schaffen und zu sichern, an denen pädagogisch zielgerichtet gearbeitet werden kann.

Der Baum und seine Umgebung sowie die Menschen, die daran beteiligt sind, stellen in diesem Sinne einen Lernort da. Dieser Lernort bietet sehr große und herausfordernde Anreize für unterschiedlichste Lernbedürfnisse von Teilnehmern. Oft bleibt es auch nicht bei Bäumen allein, sondern es werden andere Objekte einbezogen: Spielgeräte und Gebäude, Seilbahnen werden gebaut, Spiel und Hängeanlässe entwickelt und Bewegungsanlässe gestaltet. Hier können echte Risikoerfahrungen gemacht werden und die Wirksamkeit des eigenen Handelns kann besonders gut überprüft werden.

Wie unterscheidet sich das Baumklettern im pädagogischen Sinn vom Klettern in der Baumpflege, oder vom Klettern in der Ausbildungssituation der Baumkletterschulen?

Sicher in der Bedeutung von Krisen im Arbeitsprozess. Auf der Baustelle geht es vor allem darum, die Arbeiten sicher und effizient durchzuführen und Krisen erst gar nicht aufkommen zu lassen. Anders stellt sich dies in der Ausbildungssituation (SKT) dar. Hier dürfen und sollen zum Teil auch Fehler auftauchen, um von diesen zu lernen. Wer jedoch erfährt, dass er psychisch dem Druck nicht gewachsen ist, die Technik des Baumkletterns zu erlernen, um Baumarbeiten durchführen zu können, der wird sich schnell ein anderes Wirkungsfeld suchen müssen. Anders im pädagogischen Setting. Hier geht es um Persönlichkeitsentwicklung und Erweiterung der Handlungskompetenz, auch im inneren Erleben und der Besprechbarkeit von Innerem. Es geht um persönliche Grenzen im Umgang mit sich selbst und anderen. Fragen tauchen auf: Wie erlebe ich mich als Teil einer Gruppe? Wo verliere ich mich als Teil dieser Gruppe? Wie kann ich mich einbringen? Welche Konflikte erlebe ich immer wieder?

Solche Themen zuzulassen und ihnen einen Raum zu geben, ist ein wesentlicher Bestandteil des Baumkletterns als Medium der Erlebnispädagogik. Im Gegensatz zum Baumpfleger ist das Interesse des Pädagogen die Krise oder der Moment des Scheiterns, denn dort liegt das größte Potential für Veränderung.

Ich hoffe, ich konnte neugierig machen auf einen Wirkungsbereich für Baumkenner. Die Arbeit mit Menschen und Bäumen zum beruflichen Inhalt zu machen und auf diesem Weg sowohl sein Bewusstsein für Bäume als auch für Menschen und nicht zuletzt für sich selbst zu vertiefen, halte ich für eine reizvolle Aufgabe, die den Alltag von Baumpflegern bereichern kann.

Der Autor: Andre Becker (baumwege.de)
Dipl. Sozialarbeiter (FH), Coach/Supervisor DGSv, Lehrbeauftragter Fachhochschule Frankfurt a. M.

 
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