Vor einigen Jahren noch war er ein echter Hingucker – oder Weggucker – der Treppenaufstieg. Heute bringt er, selbst bei internationalen Klettermeisterschaften, kein Klettererblut mehr in Wallung, spöttische Kommentare haben sich erledigt. Doch die Footlock-Technik bleibt in ihrer kompakten Einfachheit genial. Aber der Treppenaufstieg ist eine exzellente Alternative und weil er eine Gerätetechnik ist, ist er mehr als die Footlock-Technik ein Betätigungsfeld für innovative Tüftler. Dirk Lingens hat eine Lösung für das Problem „Unterhand“ entwickelt. Die in seinem Artikel angegebenen Maße beziehen sich alle auf eine Körpergröße von ca. 185 cm.
Nachdem immer mehr Kollegen den klassischen Treppenaufstieg (vgl. Kletterblatt 2006) modifiziert haben, wird hier eine neue technische Umsetzung vorgestellt. Es gibt sicher auch andere Lösungen, die gut sund. Mit dieser arbeite ich seit einiger Zeit. Ihr Vorteil: Wer den Treppenaufstieg praktiziert, braucht nur ein kleines Stück Reepschnur zum Glück.
Einer der wenigen Nachteile des Treppenaufstiegs ist es, dass eine Hand immer die untere ist. Das hat zur Folge, dass dieser Arm immer angewinkelt ist und die Hand, die ja die Handsteigklemme führt, unter Daueranspannung steht. Ein Handwechsel ist zwar während des Bewegungsablaufes machbar, stellt aber eine kleine motorische Herausforderung dar.
Beim Überhandaufstieg wird das Problem gelöst, indem einzig und allein eine kleine Reepschnur als Schlaufe oben an die Handsteigklemme gebunden wird, mit der jetzt die Klemme nach oben gezogen wird. Achtung: Die obere Öse ist nicht zur Aufnahme von Personenlasten gedacht! Dadurch können die Hände aneinander vorbei und werden gleichermaßen belastet, sieht man vom nachzuziehenden Gewicht der oberen Klemme ab. Da der Griff der Handsteigklemme jetzt nicht mehr gebraucht wird, kann sie auch durch eine kleinere Klemme ersetzt werden (im Bild: Croll von Petzl). Ob die Schlaufe in die rechte – linke Hand genommen wird, ist egal. Die Länge der Trittschlinge wird im Vergleich zum Treppenaufstieg etwas eingekürzt, aber so lang gelassen, dass die Arme eher gestreckt als angewinkelt sind.
Los geht’s
Bevor ich den Bewegungsablauf, der bei allen verschiedenen technischen Umsetzungen immer der Gleiche ist, anfange, zu erklären, sage ich: Probiert es einfach aus. Dieses schöne kleine Video zeigt den Bewegungsablauf und hilft wahrscheinlich weiter als 100 Wörter.
Ein paar Bemerkungen zu meiner technischen Umsetzung (von oben nach unten):
1. Wer mit der oberen, hier linken Hand das Seil zu eng fasst, klemmt die untere Hand mit der Reepschnur ein. Das ist nicht schlimm, nervt aber evtl.
2. Die Länge der Reepschnur-Schlaufe beträgt ca. 35 cm. Ist sie zu lang, schlägt die untere Klemme gegen die obere, ist sie zu kurz, ist kein Platz für die zweite Hand.
3. Diese Bandschlinge ist 60 cm lang. Zu kurz: fehlender Bewegungsfreiraum, zu lang: zu hoher Fangstoß bei Versagen der unteren Klemme. Da ich Gummis zur Fixierung am Karabiner nutze, muss ich den Ring der Bandschlinge schließen, hier: Fahrradschlauch (vgl. Kletterblatt 2009). Andere Lösungen sind denkbar. Schön wäre auch eine Dynamik an dieser Stelle.
4. Die untere Bruststeigklemme wird mit einem Gummi um den Hals gehängt und damit nach oben gezogen. Das hat sich bewährt, gefällt aber nicht jedem. Alternativ kann die Klemme in den Brustgurt eingehängt werden – wenn die Abstände stimmen. Auch eigens dafür vorgesehene Gurtbänder gibt es zu kaufen. Einige ziehen auch diese Klemme mit einer Reepschnur nach. Das hat bei mir aber nicht gut funktioniert.
5. Beide Klemmen werden separat in den Gurt eingehängt. Alles in einem Karabiner ist auch denkbar. Der Umbau auf Aufstieg und die Rettung mit bzw. aus den Klemmen ist aber umständlicher. Außerdem hängen die Leute dann doch regelmäßig in der oberen Öse der unteren Klemme – schön schlank und brandgefährlich.
6. Im Bild ist ein Gurt mit Ring auf einem Zentralband (z. B. TreeMotion) dargestellt: Hier ist es besser, nicht beides in den Ring zu hängen, sondern zu trennen, da sich die beiden Karabiner sonst verhaken. Bei Gurten mit D-Ring auf dem Zentralband (z. B. Kolibri) ist das aufgrund der besseren Führung nicht nötig, oft auch gar nicht möglich.
7. Die Länge der Trittschlinge ist auch abhängig von der Länge der obeen Reepschnur. Die Gesamtlänge (Hand bis Fußsohle) beträgt bei mir ca. 168 cm. Wie gesagt: eher gestreckte als angewinkelte Arme.
8. Wie schon beim Treppenaufstieg werden auch hier kleine Trippelschritte gemacht. Zu große Schritte kosten zu viel Kraft und sind nicht schneller. Die Abstände stimmen, wenn die Füße genau wie die Hände aneinander vorbei gehen und nicht ein Fuß immer der obere ist.
Jetzt bleiben nur noch zwei Nachteile, an denen gefeilt werden kann: die seitlich am Fuß angreifende Kraft der Pantin, die zum Abkippen des Fußes führt. Und: das eigene Gewicht!
Viel Spaß!
| Der Autor: Dirk Lingens Selbständiger Baumpfleger, Ausbilder der Münchner Baumkletterschule, Autor des Buches Baumknoten Weitere Informationen |
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