Ein Jahr Gast-Baumkletterer in Kanada: Mit seinen mehr als 9.900.00 km² ist Kanada flächenmäßig das drittgrößte Land der Erde. Und mehr als 60 Prozent dieses riesigen Areals sind bewaldet. Die Holzwirtschaft hat daher in diesem Land eine enorme Bedeutung. Von den 32 Mio. Einwohnern leben mehr als 50 Prozent direkt oder indirekt von Forst und Co. Baumkletterer sind gesucht. Ein Bericht von Markus Müller.
Vergangenes Jahr war Vancouver-Island (VI) für 12 Monate meine Wahlheimat. VI ist Teil von British Columbia, der westlichsten der sieben Provinzen Kanadas. Das Klima auf Vancouver Island ist einzigartig. Einerseits ist der Sommer in der Region um die Hauptstadt Victoria – Juli bis September – sehr trocken. Andererseits liegen die Jahresniederschläge über 1.199 l/m2 im Jahr, vorzugsweise November bis April. Also sollte man die Wintermonate als Reisezeit eher meiden. Allerdings arbeiten die Kletterer das ganze Jahr hindurch. Schnee und Frost an der Küste sind eher die Ausnahme. Eine Besonderheit: VI ist die nördlichste Region mit einem gemäßigten Regenwald an der Westküste. Der Regenwald der gemäßigten Breiten ist ein Wald-Ökosystem, das sich durch einen besonderen Wasserhaushalt auszeichnet. Die Abgrenzung zum tropischen Regenwald ist durch seine Lage in gemäßigten Klimazonen gegeben. Entsprechend spannend und abwechslungsreich sieht die Pflanzenwelt aus. So hat man es im Arbeitsalltag nicht nur mit immergrünen Gehölzen wie Douglasie, Zedern, etc. zu tun, sondern auch mit Palmen und Eukalyptusbäumen.
Steigt man als Deutscher aus dem Flugzeug, hat man es in der Regel nicht schwer, Kontakte zu knüpfen und akzeptiert zu werden. Die Kanadier sind offen und freundlich. Wer länger als vier Monate in Kanada bleiben und während dieser Zeit auch noch arbeiten will, braucht ein Visum. Die erforderlichen Papiere zu bekommen, ist gar nicht so schwer, braucht aber etwas Zeit. Eine beschleunigte Abwicklung und Unterstützung ermöglicht das sogenannte Young Workers Exchange Program (YWEP). Über diese Organisation kann man das erforderliche Visum problemlos beantragen. Ein YWEP kann jeder beantragen, der unter 35 Jahren alt ist. Die wichtigsten Infos zum Visum findet man unter www.canada.com.
Das Handwerk der Baumpfleger ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil der lokalen Wirtschaft. Praktisch jeder Hausbesitzer mit eigenem Anwesen beschäftigt regelmäßig einen Spezialisten zur Pflege seines Baumbestandes.
Als absolut kompetenten Arbeitgeber habe ich die Baumpfleger-Truppe von Bartlett kennengelernt. Mit mehr als 2000 Mitarbeitern im gesamten nordamerikanischen Markt und den Niederlassungen in England zählt Bartlett international zu den ganz großen Baumpflegespezialisten. Das Bartlett-Hauptquartier liegt in Stamford, im US-Bundesstaat Connecticut.
Das Beeindruckende an Bartlett ist nicht nur die schiere Größe. Auch macht die Größe allein den Erfolg nicht aus. Das Erfolgskonzept hinter Bartlett ist die zeitgemäße Kombination aus Service und Kompetenz. Service, weil der Kunde immer ein Angebot mit Festpreisgarantie bekommt. Und Kompetenz, weil beispielsweise im hauseigenen Labor in North Carolina regelmäßig Bodenproben analysiert und anschließend spezielle Mischungen für die exakte Düngung zusammengestellt werden.
Kletterspezialisten sind bei Bartlett gefragt, besonders bei anspruchsvollen Fällungen. Die Anforderungen an einen Kletterer sind in Kanada nicht ohne. So sind Arbeiten in Höhen um 40 m durchaus üblich. Dabei gehören auch Steigeisen zum Kletteralltag. Im Vordergrund stehen effektive Techniken, um die Zeit- und Qualitätsvorgaben möglichst optimal abzuwickeln. Das Motto lautet unmissverständlich: The job has to be done.
Üblicherweise bringt man die eigene Kletterausrüstung mit. Bartlett zahlt dann Miete für das Equipment. Ansonsten ist die Ausstattung hochwertig und vollständig. Den Dreier-Trupps, zwei Kletterer und ein Bodenmann, stehen ein komplett bestückter LKW mit Häcksler und Hebebühne zur Verfügung. Das macht Laune.
Die Anforderungen an die Truppe sind ordentlich. Das liegt bereits am Baumbestand, der üblicherweise zu pflegen ist. In der Regel hat man es mit 30 bis 40 Meter-Bäumen zu tun. Dadurch wird natürlich die Anforderung an die Kletterarbeit entsprechend hoch. Das Pensum, das die Bartlett-Truppe an den Tag legt, ist straff. Üblicherweise startet der Tag um 7.30 Uhr und endet selten vor 16.30 Uhr, Mittagspause ist eine halbe Stunde. Üblich sind Stundenlöhne um 20 Kanadische Dollar, ca. 15 EUR. Die Regel ist die 40 Stundenwoche. Die Steuersätze sind vergleichsweise moderat und liegen so 20 % unter unseren Quoten. Als deutscher Gastarbeiter und Mitglied des Austauschprogrammes bekommt man die gezahlte Steuer nahezu vollständig wieder zurück.
Ganz klar: Richtig glücklich mit einem Kanada-Aufenthalt bei Bartlett wird derjenige, der es mag, hart zu arbeiten und dabei bereit ist, eine Menge zu lernen. Dann stimmt das Paket aus guter Gemeinschaft und kompetentem Arbeitgeber. Nach Feierabend sind regelmäßig Besuche im Eishockey-Stadion Pflicht. Auch der feucht-fröhliche Umtrunk mit – leider – einheimischem Bier gehört dazu. Am Wochenende geht’s raus in die Wildnis zum Fischen und Jagen. Eine angemessene Unterkunft zu finden, ist nicht allzu schwer. Zum Einstieg ist eine Jugendherberge nicht schlecht (mit ca. 25 Dollar je Übernachtung muss man dafür rechnen). Einzimmer-Apartments kosten etwa 200 Doller im Monat.
Kanada-Visum: Um in Kanada arbeiten zu können, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein. Eine gültige Arbeitserlaubnis erhält, wer in unserem Job eine abgeschlossene Berufsausbildung nachweisen kann. Englisch-Kenntnisse sind hilfreich. Das YWEP ist für nachweislich qualifizierte junge Leute unter 35 Jahren konzipiert. Wer diese Vorgaben erfüllt, kommt derzeit schnell an seine Papiere. Gute Arbeitskräfte und Handwerker sind knapp.
Kosten: Das Leben in Kanada ist etwas günstiger als bei uns. Miete und Essen liegen 30 % unter unserem Level.
Versicherung: Eine Auslands-Reiseversicherung ist neben der weiterlaufenden Krankenversicherung Pflicht.
Reisezeit: März bis November ist ideal zum Klettern und Arbeiten. Der Sommer (Juni bis September) ist trocken, der Rest des Jahres eher feucht. Wer Ski in den Coast Mountains fahren will (Januar bis März, Wahnsinn!!!), muss den Regen an der Küste aushalten.
Bartlett: Das Familienunternehmen Bartlett existiert bereits seit 1907 und feiert dieses Jahr hundertsten Geburtstag. Die Bartlett Tree Experts gehören zu den ganz Großen in der Branche, mit mittlerweile über 2000 Mitarbeitern in fünf Ländern Nordamerikas und Europas. Engagierte und qualifizierte Mitarbeiter, gerade auch aus Europa, sind durchaus gefragt.
Sonstiges: Zigarettenpausen beim Kunden sind tabu!
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| Wer ernsthaft an einem Job bei Bartlett interessiert ist, kann sich bei weiteren Fragen gerne an mich wenden. |
| Der Autor: Markus Müller (E-Mail) Gelernter GaLabauer, selbständiger Baumpfleger auf der größten Douglasie der Welt, der „red creek fir“ |
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