Die schnellste Aufstiegstechnik der Welt

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Treppenlift am Einfachseil: Das war zumindest unser erster Eindruck, als Dirk Lingens bei einem Ausbildertreffen der Münchner Baumkletterschule die Aufstiegstechnik vorführte. Für uns Grund, unseren schnellsten Footlocker im Wettkampf mit Dirks Spezialtechnik antreten zu lassen. Es war ein grandioses Rennen. Wir waren begeistert.

Unter Profi-Kletterern gilt die Footlock-Technik als schnellste Aufstiegstechnik. Noch nie sind bei einem Wettkampf Teilnehmer durch Spitzenleistung aufgefallen, die eine alternative Geräte-Technik gewählt hatten. Bei einem unserer jährlich stattfindenden Ausbilder-Sommertreffen wollten wir es wissen. Dirk Lingens, bekannter Knotenbuch-Autor und Routinier mit Einseil-Gerätetechnik, im Wettstreit mit einem unserer besten Footlocker, Christian Faust. Beide waren glaubwürdig nicht in Bestform.

Unglaublich war das Resultat! Beide Kletterer schafften zwölf Meter in 17 Sekunden (wohlgemerkt ohne besonderes Training)! Den deutschen Weltrekord im Footlock hält Thoren Benk mit 15 Sekunden auf 15 Meter. Aber nicht in erster Linie die Leistung der Kletterer war unglaublich, sondern die Tatsache, dass eine Geräte-Technik so schnell sein kann wie die spartanische Footlock-Technik. Wenn man nun bedenkt, dass Dirk (er möge mir verzeihen) nicht zu den schnellsten Kletterern der Welt gehört, war die gemessene Zeit eine Sensation. Man kann sich gut vorstellen, welche Zeiten möglich sind, wenn Spitzenkletterer diese Technik entsprechend trainieren.

Einfachseiltechnik

Die Technik, welche Dirk verwendete, war eine Einfachseiltechnik (Abb.1): Steigklemme oben mit langer Trittschlinge zum linken Fuß, am rechten Fuß eine Fußsteigklemme. Als Personensicherung wählte Dirk den „Rocker“, ein mitlaufendes Sicherungsgerät. Durch die Kombination von Hand- und Fußsteigklemme ist ein treppenartiger Aufstieg möglich. Wie beim Treppensteigen setzt man den Fuß immer eine Stufe über den anderen.

Dirk benutzt den Rocker, weil er dann auf eine zweite Sicherung verzichten kann. Der „Rocker“ kann sich nicht unbeabsichtigt öffnen und bietet deshalb ausreichend Sicherheit. Wir empfehlen bei Einsatz des „Rockers“ trotzdem eine redundante Sicherung mittels Klemheist-Knoten über der Steigklemme, da der „Rocker“ bei Versagen der Steigklemme nicht gleich greift und möglicherweise erst durch die Fußsteigklemme gestoppt wird. Wie unglücklich man dann im Seil hängt, kann sich sicherlich jeder vorstellen.

Aufstieg mit Klemmheist-Schlinge

Wir haben die Aufstiegsform etwas abgewandelt (Abb. 2): Steigklemme mit eingehängter Trittschlinge für den linken Fuß. Als Personensicherung statt des „Rockers“ eine Rundschlinge (acht Millimeter) mittels fünffach Klemheist über der Steigklemme. Die Klemheist-Schlinge wird separat als Sicherung in die zentrale Aufhängung des Klettergurtes eingehängt. Am besten sichert man die Schlinge im Gurt-Karabiner mittels Mastwurf, damit sie nicht an der Karabinerhülse hängen bleiben kann. Die Länge der Schlinge sollte so gewählt werden, dass man ohne sich zu überstrecken mit der Hand die Steigklemme erreichen kann, wenn man in der Schlinge sitzt. Wer sich beim Aufstieg öfters im Seil ausruhen möchte, kann sich zusätzlich eine Stufenschlinge zwischen Steigklemme und Gurt hängen. Am rechten Fuß wird die Fußsteigklemme angebracht und los kann’s gehen.

Bei herkömmlichen Aufstiegstechniken mit einer Steigklemme steht man normalerweise in die Trittschlinge und schiebt beim Aufstehen das mitlaufende Sicherungsgerät (z.B. Croll-Steigklemme) mit nach oben. Dann setzt man sich mit seinem Gewicht in das mitlaufende Sicherungsgerät, damit im zweiten Zug die Handsteigklemme ein Stück weiter nach oben geschoben werden kann. Das hieße in der „Treppen-Sprache“, man zieht immer einen Fuß nach, als hätte man ein steifes Bein („Hinkebein“-Technik).

Treppen-Technik

Es ist selbst mit zwei Handsteigklemmen und Trittschlingen an beiden Füßen nicht richtig möglich, die „Treppen“-Technik anzuwenden, denn die Handsteigklemmen können sich am Einfachseil nicht überholen. Dies wurde erst durch die Fußsteigklemme optimal möglich. Bei der „Treppen“-Technik mit der Fußsteigklemme entfällt das „Ausruhen“ im mitlaufenden Sicherungsgerät. Man steht sozusagen immer am Seil, einmal auf dem rechten und einmal auf dem linken Fuß (Abb. 3).

Die Technik ist allerdings nicht so einfach zu beherrschen, wie es zunächst erscheint. Der Bewegungsablauf ist sehr ungewohnt. Die Bewegungen sind asymmetrisch, worauf sich unser Kleinhirn erst einmal einstellen muss. Treppen-Technik: BewegungsablaufDie Hände halten in Ruhe, während der Körper sich auf dem linken Fuß in der Trittschlinge nach oben drückt (Abb. 4). Der rechte Fuß wird über den linken nach oben gezogen. Anschließend drückt sich der Körper auf dem rechten Fuß nach oben und die Hände schieben gleichzeitig die Steigklemme mitsamt der Trittschlinge und dem linken Fuß ebenfalls nach oben, am rechten Fuß vorbei, eben eine Treppenstufe darüber.

Man merkt schnell, dass es am besten funktioniert, wenn man die Abstände der „Treppenstufen“ nicht zu hoch wählt (kleine Schritte). Es dauert eine Weile, bis man den Rhythmus herausfindet, damit die Bewegungsabläufe geschmeidig ablaufen und tatsächlich hohe Geschwindigkeiten erzielt werden. Der Umbau für den Abstieg ist mit und ohne zusätzlicher Stufenschlinge sehr einfach: Abseilachter ins Seil unter der Steigklemme, Steigklemme aushängen und mit Abseilachter und Klemheist-Sicherung abfahren.

Resümee:
Die Klettergeschwindigkeit könnte bei hinreichender Übung mit zunehmender Höhe der Footlock-Technik überlegen sein, da die Kraft schneller und kraftsparender über die Füße ins Seil übertragen werden kann. Zugegeben, die Rüstzeiten sind länger und die ersten Meter mühsam, weil die Füße jeweils in Schlinge und Seil eingehängt werden müssen. Außerdem läuft die Fußsteigklemme erst geschmeidig und problemlos mit, wenn ein bisschen Seilgewicht nach unten hängt. Jedoch ist es mit Sicherheit eine Aufstiegstechnik, die nur geringes Muskeltraining erfordert und somit allen nicht wettkampforientierten Baumpflegern eine schnelle Aufstiegsvariante eröffnet, die sich hinsichtlich Geschwindigkeit nicht vor der Footlock-Technik verstecken muss.

Anmerkungen des Autors
Der Schnellaufstieg am stehenden Einfach- und Doppelseil ist in verschiedenen Variationen Bestandteil unserer B-Kurse. Vor- und Nachteile sowie Eignung und Anwendungsgebiete der einzelnen Techniken werden auf den Kursen ausführlich erklärt. Der Artikel kann leider keine Anleitung sein und ersetzt keine Ein- bzw. Unterweisung. Danken möchte ich an dieser Stelle Moritz Theuerkauf, der sich für die Bilder zur Verfügung stellte sowie unseren Ausbildern Dirk Lingens und Bernhard Schütte für die Anregungen und die fachliche Durchsicht des Artikels.

 

Der Autor: Johannes Bilharz (E-Mail)
Mitgründer und Schulleiter der Münchner Baumkletterschule

 
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