Im Bereich Baumpflege treffen wenigstens drei Dinge aufeinander, die versagen können: der Mensch, das Material, der Baum. Die Ahnung von diesem möglichen Versagen kann Angst verursachen.
Nach Wikipedia bezeichnet Angst eine Empfindungs- und Verhaltenssituation aus Ungewissheit, Anspannung und Furcht, die durch eine erwartete oder eingetretene Bedrohung hervorgerufen wird. „Biologisch gesehen ist die Angst ein Stresszustand von starker Intensität als Antwort auf eine wahrgenommene Bedrohung, verbunden mit einem Gefühl körperlicher Spannung sowie starken Impulsen, der Situation zu entfliehen“. Demgegenüber ist Ängstlichkeit eine persönliche Einstellung bzw. Charaktereigenschaft. Ängste können ausgelöst werden durch bedrohliche angsteinflößende Situationen oder ihre Erwartung, durch Personen, Aussagen, Orte oder Erinnerungen.
Der Baumpfleger hat im Auftragsfall zuerst mit seinen eigenen Ängsten zu tun. Aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich um deren unerwartetes Auftreten, mit denen man aber kalkulierbar umgehen kann. Grundsätzlich ist die Tagesform entscheidend, wie und ob einen die Angst packt, und das nicht nur am Montag. Dazu kommt, ob Lust auf Arbeit vorhanden ist – schwere Unlust fördert die Angst.
Ebenso das eigene Alter, d. h. mit dessen Zunahme nimmt oft die Risikobereitschaft ab und es kann schneller eine Angst aufkommen, vielleicht im Zusammenhang mit schneller nachlassenden Kräften. Mit 50 geht man eben anders mit potentiellen Gefahren um als mit 25. Während „die Jugend“ die in der Ausbildung und kürzerer eigener Berufserfahrung kennengelernten Ängste und Bedrohungen mit einem größeren Hang zur Leichtsinnigkeit schwungvoll umschifft, wird von Älteren behutsamer damit umgegangen, da sich aufgrund langjähriger Erfahrung in der Regel eine Vorsicht einstellt, um Gefahrenmomente zu umgehen. Dank der Erfahrung kann auftretende Angst vom Kopf her bekämpft werden, damit keine Panik entsteht, beim Aufstieg, wegen Zweifel an der Stärke eines Astes, der Haltbarkeit des Seiles oder des Kambiumschoners, der auch mal leicht angeritzt sein kann, usw. Ein Vertuschen der Angst wegen Profilierung ist meist auch nicht mehr so angesagt.
Das ausgefranste Seil der Kurzsicherung ist am Boden kein Problem (Abb. 1). In 20 Metern Höhe kann sich dieser Zustand aber anders darstellen und angstfördernd wirken. So sehr Angst sinnvoll ist und zur Vorsicht anhält, der damit verbundene Zustand ist aber anstrengend und unnötig, wenn Ursachen für das Auftreten bekannt sind. Sind die Voraussetzungen für eine Kletterei oder Hubbühnenfahrt nicht günstig, aufgrund der eigenen Konstitution oder wegen Materialmängeln, sollte davon abgelassen werden. Als Selbstständiger kann ich das auch so handhaben, im Beschäftigungsverhältnis ist das schon schwieriger. In den verantwortungsvollen Ausbildungsstätten sollte darauf auch entsprechend eingegangen werden.
Neben der Angst bei der Ausführung gibt es natürlich auch Ängste, die den Auftrag erst ermöglichen. Bäume können groß werden. Damit stellen sie einerseits etwas Imposantes und „uns Menschen“ Imponierendes dar, sind aber dadurch auch etwas Bedrohliches, da sie so viel größer sind als „wir“.
Diese Einstellung mag vernünftig oder biologisch richtig sein, da sie sich aus Erfahrungen nährt, insbesondere aus dem, was geschieht, wenn ein Baum oder Baumteil versagt. Heute treten solche Ängste vermehrt auf, da der Baum an sich ein ziemlich unbekanntes Ding ist: „Der war sooo klein, als ich ihn gepflanzt habe“ – und seine Reaktionen ebenfalls: „Bei Wind bewegt sich der Baum immer so stark“. Dieser Angst vor dem unbekannten Monstrum im Garten folgt dann der Angriff auf den Baum als erkanntem Verursacher. Entweder in Eigenleistung oder durch Inanspruchnahme der Hilfe einer Fachkraft. Neben Gärtnern und Förstern sind es die Baumpfleger und Baumsachverständigen. Von deren Qualitäten hängt es dann ab, was aus den Ängsten der Baumbesitzer wird.

Aus den Erfahrungen und Untersuchungen im Bereich der Baumpflege haben sich in den letzten 20 Jahren eine Vielzahl von Erkenntnissen ergeben, auf deren Grundlage eine zutreffende Baumbeurteilung stattfinden kann. Viele Ängste der Baumbesitzer könnten so zerstreut werden. Für mich ist es eine wichtige Aufgabe des Baumpflegers, Vorbehalte und Ängste zu zerstreuen und somit baumerhaltend zu wirken, natürlich unter Berücksichtigung der Sicherheitsaspekte. Leider gibt es immer wieder „Baumfachleute“, die Ängste ausnutzen. Es ist unverantwortlich, einem unsicheren Baumbesitzer einen solchen Ast als gefährlich zu interpretieren statt beruhigend, weil fachlich begründbar, dagegen zu wirken (Abb. 2). Hier sind kurzfristige Interessen wohl der Hauptgrund (Auftrag!), sowie die Aussicht auf Folgeauftrag in Folge der Behandlung. Dieser Ast blieb dran, der Kunde sparte, der Ast ist auch vier Jahre später noch immer nicht abgefallen.
Die Ängste vor der Bewegung der Bäume im Wind, selbst wenn sie „dabei fast auf dem Dach des Hauses liegen“ (Kundenzitat), könnten oft entschärft werden, wenn auf die bekannte baumstatische Erkenntnis zurückgegriffen würde, dass ein Baum sich bewegen muss, um nicht zu brechen. Aber auch hier wird oft genug die Angst fürs Geschäft genutzt. Die Konkurrenz könnte ja ansonsten den Auftrag bekommen.
Bedrohlich wird es ebenfalls, wenn in der Nachbarschaft oder im Ort ein Baum umgekippt ist, was dann die eigenen Bäume plötzlich beängstigend nahe bringt. Völlig losgelöst von unterschiedlichen Gegebenheiten werden dann Indizien an den Bäumen, die einen handfesten Grund für die Angst verursachenden Sorgen geben sollen, gesucht und gefunden: hier ein Loch, dort ein Pilz. Wenn sich dann noch ein Baumsachverständiger findet, der diese Ängste nicht versucht abzubauen, sondern in sein „Schlechtachten“ einfließen lässt – ist das schade um die Bäume, aber gut fürs Geschäft.
Auch den erstmalig auftretenden „Ausfluss von Ligninsäure“ aus einem Birkenstamm als Zeichen höchster Bruchgefahr zu interpretieren, ist alles andere als geeignet, sachlich der vorhandenen Unsicherheit der Eigentümerin dieses Baumes entgegenzuwirken (Abb. 3). Hier scheint auch neben einer Angst des Kunden eine Angst des Baumfachmannes zu existieren, etwas nicht zu wissen und dies auch noch offenbaren zu müssen. Dann doch lieber „im Zweifel gegen den Angeklagten“. Diesen Beispielen begegnet man bedauerlicherweise immer wieder im baumpflegerischen Alltag, es sind keine Erfindungen.
Gekrönt werden solche Formen der Angstausnutzung durch das Thema Hohlheit – nicht der Argumente, sondern der Bäume. Es dürfte vielen Baumpflegern bekannt sein, wie sehr der hohle Stamm eines Baumes dafür herhalten muss, wenn ein Baum entfernt oder stark behandelt werden soll. Hier ist auch die Angst der treibende Faktor, der indessen oft entgegengewirkt werden könnte. Aber nicht nur wenn der eigene Kontostand näher ist als eine fachlich qualifizierte Einschätzung, sondern auch aufgrund vorsätzlicher fachlicher Blindheit wird gerne das vorgebrachte Argument der Hohlheit für einen Auftrag ausgenutzt. Es ist bekannt, dass eine Röhre stabiler ist als eine Stange; alle menschlichen Bauwerke, die in die Höhe ragen, sind innen hohl. Wieso aber muss ein Baum immer komplett gefüllt sein, um als stabil und ungefährlich zu gelten? Sicherlich, ein hohler Stamm kann gefährlich sein. Ab wann eine Hohlheit gefährlich wird, lässt sich ermitteln, es ist aber mit Sicherheit keine „Gefahr an sich“. Es gibt, wie aufgeführt, mehrere Aspekte der Angst, die mit dem Baumgeschäft zu tun haben. In allen Fällen, die mit Angst verbunden sind, sollte besonnen darauf eingegangen werden, sowohl im Vorfeld bei der Beurteilung von vorgebrachten, angstgesteuerten Bedenken, als auch bei der Ausführung von Baumarbeiten. Angst ist ein guter instinkthafter Ratgeber. Sie muss aber bewusst und rational überprüft werden. Im Interesse von Baum und Mensch.
| Der Autor: Klaus Schöpe Studium der Landschaftsplanung zum Dipl.-Ing., danach tätig im Garten- und Landschaftsbau, Baumpflege-Erfahrung seit 1986, seit 1999 öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Baumpflege, Baumstatik, Baumwertermittlung, Gehölz- und Grundstückswertermittlung, Baumbüro® |
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