Baumerhalt: Das Wahrzeichen von Zusenhofen* ist eine uralte, mächtige Linde am südlichen Ortseingang. Sie wird auf weit über 500 Jahre geschätzt und zählt zu den schönsten und wertvollsten Bäumen im Ortenaukreis. Vermutlich ist sie sogar die größte und älteste vorhandene typische Dorflinde in Baden-Württemberg. Ihr Stammumfang misst 5,27 Meter, die gesamte Baumhöhe wird mit 27 Meter und ihr Kronendurchmesser mit 30 Meter angegeben.
Die freistehende Sommerlinde (Tilia platyphyllos) war am 25.08.1943 unter Schutz gestellt worden. Sie ist unter der Nummer 160 im Naturdenkmalbuch des Ortenaukreises eingetragen. Die Freiburger Forstdirektion hatte das Alter des Baumes bereits im Jahre 1936 auf etwa 500 Jahre geschätzt. Von einem Ast, der Anfang der 70er Jahre durch einen Wirbelsturm aus der Krone gebrochen wurde, ließ sich der Anwohner Franz Weinzierle eine Scheibe absägen, die er dann selbst abschliff. Mit Lupe und Nadel zählte er die Jahresringe: er kam auf exakt 285 Jahre.
Aus einer bisher unveröffentlichten Abschrift einer Urkunde des Klosters Allerheiligen aus dem Jahre 1303 geht hervor, dass am heutigen Standort der Linde zu dieser Zeit bereits ein junger Baum vorhanden war: „Zv bomelin bi den zimerne wege …“ oder „An dem appenwilr wege bi dem bomelin …“ Heute steht die Zusenhofener Linde im Kreuzungsbereich von vier Straßen. Ob es sich dabei um das damalige „Bäumelein“ oder einen später nachgepflanzten Baum handelt, lässt sich nicht so ohne weiteres feststellen. Wäre es aber so, dann wäre die Linde heute über 700 Jahre alt.
In „unserer“ Zeit gab es häufig witterungsbedingte Beschädigungen im Kronengerüst des Baumes, die seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, also, im Verhältnis zum Alter der Linde, in „jüngster“ Vergangenheit, immer wieder zu gewissen fürsorglichen Eingriffen am Baum geführt haben. Stichpunktartig seien hier einige dokumentierte Ereignisse aufgeführt:
• In den 60er Jahren wurde der Baum vom Blitz getroffen, was zu Rindenschäden am Stamm führte.
• Anfang der 70er Jahre brach durch einen Sturm ein mächtiger Ast aus der Krone, was heute noch als Stammöffnung in ca. zehn Meter Höhe zu sehen ist. Mit diesem Ast hatte Herr Weinzierle die Altersbestimmung durchgeführt.
• 1982 bemühte sich ein Baumchirurg um die Ausbruchstelle. Die alte Betonplombe wurde entfernt und Gewindestangen als Querverstrebungen eingebaut. Zwischen den Hauptstämmlingen wurden sieben Drahtseilanker installiert.
• Seit Anfang der 80er Jahre zeigt der Baum im Spätsommer starken Befall von Spinnmilben, was regelmäßig zum
vorzeitigen Laubfall führt.
• 1989 und 1990 wurde der Wurzelraum im Kronentraufbereich rasterartig mit Bohrlöchern, die mit einem Lava/Kompost-Gemisch verfüllt werden, gelockert. Der Baum wird seitdem jeden Sommer nachhaltig gewässert. Das Kronengerüst wurde durch formgerechten Schnitt und weitere Kronenverankerungen stabilisiert.
• Dennoch kam es 1997 zu einem weiteren Verlust eines bisher ungesicherten Stämmlings auf der Westseite. Dies hatte eine erste statische Begutachtung durch Dr. Wessolly zur Folge.
• Nach weiteren Verlusten von Kronenteilen in den Jahren 2001 und 2005 wird Dr. Wessolly im Herbst 2005 erneut zur Begutachtung herangezogen.
Die aktuellen Bilder der Linde zeigen eindrücklich, dass es sich, trotz all der inzwischen auch altersbedingten Verluste von Kronenteilen, noch immer um eine imposante Baumgestalt handelt. Die Sanierung des Wurzelraumes Anfang der 90er Jahre und das seitdem regelmäßige sommerliche Wässern der Linde haben den Befall mit Spinnmilben und den vorzeitigen Laubfall im August während der letzten zehn Jahren erfolgreich verhindert. Die Vitalität des Kronenmantels ist angesichts der reichhaltigen Triebneubildung ungebrochen. Diese Vitalität findet nun jedoch ihre Grenze in der Statik der einzelnen, teilweise sehr stark ausgemorschten Holzkörper der Stämmlinge in Höhe des Stammkopfs.
Deshalb wurde nun auf der Basis des Gutachtens von Dr. Wessolly ein weit ausladender Seitenast mit Hilfe einer Stütze unterfangen, um sein Ausbrechen am Stamm, und damit eine zusätzliche große Wunde am Stammkopf, zu verhindern. Ergänzend dazu wurden nach genauer Anweisung durch den Sachverständigen einzelne Seilverankerungen ausgetauscht, die das Kronengerüst besser in statischer, nicht wie bisher in dynamischer Einbauweise gegen die Windbelastungen aus Westen verstärken sollen.
Wenn es stimmt, was der Volksmund sagt, dass nämlich eine Linde „300 Jahre komme, 300 Jahre stehe und 300 Jahre vergehe“, so stellt dieser mächtige Lindenbaum, wenn er schon 700 Jahre alt ist, in den nächsten 200 Jahren noch so manchen Sachverständigen und Baumpfleger vor eine große Herausforderung.
*bei Oberkirch im Landkreis Ortenau, Baden-Württemberg, ca. 60 km nördlich von Freiburg
| Die Autoren: Ulrich Pfefferer Fa. Baumkultur Klaus Hirschfeld |
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