Daniel Wirges und Andrés Beisswingert bei zwei nicht ganz alltäglichen Arbeitseinsätzen.
Alles normal.
Ein Kunde ruft an und bittet um einen Ortstermin: Eine für den Hausgarten zu groß gewordene Kiefer muss gefällt werden. Die Arbeiten faszinieren den Hausbesitzer. Der hat auf den Philippinen ein Luxushotel, das „Paradise Garden“, und ein großes Problem mit den dort wachsenden Palmen. Man ist um die Sicherheit der Gäste besorgt. Denn jedes Jahr werden im so genannten Kokosnusspalmen-Gürtel etwa 800 Personen durch Kokosnüsse erschlagen. Also abernten.
Schnell werden wir uns einig und an Ostern geht es mit unserer kompletten Ausrüstung über Dubai nach Manila und von dort nach Boracy. Ich sehe noch die genervten Zollbeamten, die nicht glauben wollten, dass man mit Handsäge, Karabinern, Seil und Sitzgurt bestückt zum Arbeiten fliegt. Die Anstrengungen der langen Reise werden mit der unglaublichen Schönheit der Inselwelt belohnt. Man glaubt wirklich im Paradies zu sein. Feinkörniger weißer Sandstrand umsäumt von sich im Winde wiegenden Palmen. Dazu kristallklares türkisblaues Meer und die Freundlichkeit seiner Bewohner. Die ersten Tage verbringen wir am Strand und beim Tauchen.
Doch dann muss gearbeitet werden. Gesichert mit Gurt und Stahlstrop geht’s los. Als Aufstiegstechnik setzen wir zwei Kurzseilsicherungen ein, die wir jeweils ein Stück rechts und dann links am Stamm hochschieben. Diese Art des Kletterns wird in der Dominikanischen Republik verwendet. Auf den Malediven und Bali wird ein Tuch zwischen die Füße gespannt. Nach einiger Übung erreichen wir die Arbeitshöhen von 12-15 Meter und lösen die reifen Kokosnüsse, um sie gezielt zu Boden zu bringen. Der Schweiß fließt in Strömen und uns wird schnell klar, dass bei 35 Grad und 80% Luftfeuchtigkeit die Uhren langsamer gehen als bei uns zu Hause. Aber wir werden mit wunderschönen Aussichten auf den Strand belohnt. Nach drei Tagen sind alle Kokosnüsse „geerntet“ und wir können uns bei traumhaften Sonnenuntergängen erholen. Die nächsten Tage verbringen wir mit Ausflügen in den tropischen Bergwald, wo so mancher Baumriese zum Klettern lockt. Keine Frage, nächstes Jahr zur Kokosnussernte sind wir wieder da!
Auch normal.
Nieselregen, vier Tannen abgetragen, nicht viel Kohle verdient und mir ist kalt. Ich komme nach Hause und der Anrufbeantworter schnarrt: „Rückruf Firma Gleistein bitte“. Ich rufe zurück, Nina Stelling fragt ganz harmlos: „Hast du Lust nach Amerika zu fliegen“ – mir wird warm – „auf der „Tatoosh“ müssen neue Seile in die Davids eingespleißt werden?“– ich bin heiß – „Na klar!“. Die „Tatoosh“ wurde in Deutschland gebaut und gehörte dem Chef von Microsoft „Bill G…“. Jetzt hat er sie verkauft und der neue Eigner plant ein Reefitt. Die Firma bringt Tickets, Handy, Kredit-Karte. Den Rest mache ich. Über Bremen, Amsterdam geht es zu den Amis. Dann Minneapolis und San Diego. 20 Stunden.
Dort das Hotel: Das Essen ist katastrophal, das Wasser schmeckt nach Chlor und man hört den Nachbarn schnarchen. Acht Stunden Zeitverschiebung, aber Baumfäller sind harte Leute. Am nächsten Morgen um 8 Uhr der Transfer zur Werft. Die „Tatoosh“ ist eine Motoryacht von 92,75 Metern Länge und 14,65 Metern Breite. An Deck stehen zwei Helikopter, an Backbord liegt eine 16 Meter Segelyacht und an Steuerbord eine 16 Meter Motoryacht. Geld spielt bei solchen Angelegenheiten keine Rolle, Hauptsache gut und schnell. Die neuen Davidseile, Dyneema SK 75 thermobehandelt und vorgereckt, mit einem Durchmesser von 33 Millimetern und einer Bruchlast von 57 Tonnen wurden bei Gleistein schon konfektioniert und standen in einer Kiste verpackt auf der Steuerbordseite des Bootsdecks. Bei 25 °C und keinem Zeitdruck hat die Arbeit viel Spaß gemacht. Nach zwei Tagen war alles eingebaut und die Probedurchläufe der Davidanlage abgeschlossen. Donnerstag um 9 Uhr ging es dann zurück, San Diego-Minneapolis-Amsterdam-Bremen. Diesmal 22 Stunden Reisezeit. Das war eine Woche aus dem doch nicht so ganz trostlosen Leben eines norddeutschen Spleißers.
| Die Autoren: Alles normal – Daniel Wirges (E-Mail) Forstwirt seit 1981, Baumpflege Wirges, Ausbilder bei der Münchner Baumkletterschule Auch normal – Andrés Beisswingert selbständiger Baumpfleger und -kletterer, außerdem zählt er zu den besten Spleißern weltweit und entwickelt und fertigt Spleiße für die Fa. Freeworker |
Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.