Bruchlasten im Seil: Christian Nellen über die Notwendigkeit, als Baumkletterer auch über das eigene Arbeitsmaterial – das Seil – genau Bescheid zu wissen.
Als ich vor über 16 Jahren mit der Baumkletterei anfing, nannte man sich noch „Baumchirurg“ und nicht Baumpfleger. Bei meiner Ausbildung zum kletternden Baumpfleger vor fast zwölf Jahren, in der damals einzigen in Deutschland anerkannten staatlichen Schule, standen wir vor dem theoretischen Nichts. Es gab noch keine Lehrbücher, Richtlinien oder Vorschriften, die auf den kletternden Baumpfleger zugeschnitten waren. Damals kletterten wir noch mit gedrehten, dreischäftigen Seilen aus Polyester, die wahrlich sehr “dynamisch” waren. Man brauchte nur vier Knoten, ein paar Schraub- oder Automatikkarabiner und einen Spezial-Klettergurt, der nur aus dem Ausland zu beziehen war.
Mit diesen Knoten und dem im Vergleich zum heutigen technischen Standard unmöglichen Seil begannen wir mit der Kletterausbildung. Wir waren damals ca. 20 Schüler in der Ausbildung zum Fachagrarwirt für Baumpflege und Baumsanierung mit ein bis vier Kletterausbildern. Man konnte sich nur auf sein Gefühl und sein Können verlassen. Wenn man Glück hatte, traf man auf einen Ausbilder aus England oder den USA, der die Erfahrung aus über 40 Jahren Baumklettern vermitteln konnte.
Es ist heute unvorstellbar, mit welch primitiven Mitteln wir damals gefährliche Situationen gemeistert haben. Aber der Idealismus einzelner Leute führte dazu, dass sich das Material, die Seile und die Klettergurte in Deutschland stetig verbessert haben. Inzwischen haben sich hoch qualifizierte Kletterschulen etabliert, die europaweit Anerkennung finden.
Damals gab es in Europa noch keine Hersteller von speziellen Baumkletterseilen, sondern man musste sich mit vorhandenen Seilen aus anderen Seilsparten behelfen, z.B. dem Berg- oder Segelsport. Deshalb mussten für den deutschen Markt Kletterseile aus den USA eingekauft werden. Diese waren jedoch noch nicht nach europäischen Normen zertifiziert.
Mittlerweile produzieren auch deutsche Hersteller speziell für die kletternden Baumpfleger entwickelte dynamische und statische Seile. Da die Kletterseile der persönlichen Schutzausrüstung unterliegen, müssen diese zertifiziert sein. Jeder Baumpfleger sollte deshalb darauf achten, dass die Kletterseile an einem Ende mit einem Aufkleber mit folgenden Informationen versehen sind: CE Kennzeichen entsprechend der DIN EN 1891, Länge, Produktionsnummer, Herstellerbezeichnung und Herstellungsdatum. Dieser Aufkleber darf nicht entfernt werden und sollte gut geschützt befestigt sein.
Oft interessieren sich Baumkletterer nur für die Bruchlasten eines Seils. Wichtiger ist jedoch die Frage nach den Arbeitslasten. Diese betragen in der Regel etwa 20% der Bruchlast. Seile, die permanent höher belastet werden, verändern unter bestimmten Umständen ihre Struktur sowie ihr Verhalten im Einsatz.
Es sollten Bruchlasten angegeben werden, die unter realistischen Umständen ermittelt wurden. Das wäre möglich, wenn alle Seile einen Augspleiß erhalten und auf einer geeichten Prüfbank gerissen werden. Seilhersteller prüfen die Bruchlast von Seilen i.d.R. linear, indem sie das Seil ohne Knoten oder Spleiß um eine Trommel wickeln und bis zum Bruch ziehen. Dies ist für die Praxis wenig aussagekräftig, da immer Endverbindungen eingesetzt werden und diese die Bruchlast z.T. sehr stark vermindern, was in der Tabelle deutlich gezeigt wird. Einzig der Seilhersteller Gleistein gibt für seine Seile erfreulicherweise immer die Bruchlast mit der verwendeten Endverbindung an:
| Im Spleiß | Rohstoff- bedingter Festigk.- verlust! |
Im Knoten | ||||
| Seiltyp | Durchm. in mm |
Bruchfestigk. gespleißt in DaN |
Vergleich: Knoten gg. Spleiß! |
Bruchfestigk. Palstek in DaN |
Bruchfestigk. Zimmermann stek in DaN |
Bruchfestigk. Achtknoten in DaN |
| Heavy Green |
16 | 6.675 | -40 % | 4.000 | 5.775 | 5.350 |
| Gemini X | 16 | 6.500 | -38 % | 4.000 | 4.575 | 4.400 |
| Dyneema | 16 | 12.000 | -56 % | 5.250 | 7.650 | 5.875 |
| Dyna Lite | 16 | 9.500 | -62 % | 3.575 | 6.800 | 4.650 |
| Vectran | 16 | 9.700 | -66 % | 3.250 | 6.725 | 4.175 |
| Dyna One | 16 | 20.500 | -78 % | 4.500 | 6.515 | 6.450 |
| Dyna One | 10 | 8.500 | -72 % | 2.375 | 4.025 | 2.850 |
| Dyna One | 6 | 2.700 | -67 % | 890 | 1.630 | 1.340 |
| Arbot Twin |
13 | 3.400 | -31 % | 2.330 | 2.750 | 2.580 |
| XTC- Spearmint |
12 | 2.800 | -35 % | 1.830 | 2.260 | 2.180 |
| Arbot Plait |
12 | 2.940 | -24 % | 2.220 | 2.850 | 2.770 |
Quelle: Gleistein Ropes, 2004
Für die tägliche Arbeit ist es ganz wichtig zu wissen, dass Knoten immer Auswirkungen auf die Festigkeit der Seile haben. Unabhängig davon, dass auf Seilen mit extrem glatten Oberflächen althergebrachte Knoten nicht nur nicht mehr halten können, sind Seile mit extrem hoher Bruchlast für Knoten nicht mehr geeignet. Bei ihnen können durch Knoten Bruchlastminimierungen von bis zu 80 % auftreten. Die Kenntnisse über Rohstoffe und knotenbedingte Festigkeitsverluste sollten jedem kletternden Baumpfleger bewusst sein. Wie aus der Tabelle ersichtlich, erscheint es oft sinnvoller, ein einfacheres Seil mit geringer Bruchlast bei gleichem Durchmesser zu wählen, wenn damit eine höhere Knotenhaltbarkeit und Knotenfestigkeit erzielt werden kann. Berücksichtigt werden muss außerdem, dass Seile jährlich bis zu 15 % ihrer Bruchlast durch Bewitterung verlieren. Deshalb würde ich es begrüßen, wenn alle Hersteller in Zukunft Bruchlasten im Spleiß des Seiles angeben würden – Werte, auf die wir uns verlassen können, weil sie in der Praxis realisierbar sind. Auch die Kenntnis über die zulässigen Arbeitslasten, das Dehnungsverhalten im Bereich der Arbeitslasten und die Knotenfestigkeit im Palstek sollte unbedingt vorhanden sein, um sicheres Arbeiten im Baumpflegebereich zu ermöglichen.
Trotzdem ist es nicht ratsam, sich nur auf Tabellen und Formeln zu verlassen. Denn gerade bei dynamischen Abseilaktionen, wie z.B. bei Baumfällungen, sind Erfahrung und Geschick im Umgang mit dem Seil und dem entsprechenden Zubehör erforderlich. Schulung von Seilwissen und -anforderungen sollten unverzichtbarer Bestandteil der Ausbildung zum kletternden Baumpfleger sein und müssen daher unbedingt intensiviert werden.
| Der Autor: Christian Nellen (E-Mail) Fachagrarwirt für Baumpflege und Baumsanierung, seit 1992 selbständiger Baumpfleger, Ausbilder, Prüfer (ETW, ETT, FAW), Fachberater für den Seilhersteller Gleistein (Fachbereich Baumpflege) |
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