Baumklettergurte in der Entwicklung: Ein einfaches Sitzband um den Hintern quetschte die Hüfte zusammen. Das waren die Klettergurte vor nicht einmal zehn Jahren. Immerhin ermöglichten die fehlenden Beinschlaufen eine 360° Drehung. Das war zwar besser als bei den heutigen Drehgurten, doch wenn man nicht aufpasste, rutschte der Gurt unter die Arme. Es ist erstaunlich, dass ähnliche Gurte immer noch im Handel angeboten und auch gekauft werden.
Die damals vielfach verwendeten sportähnlichen Industriegurte waren modern im Design und Material, verlangten aber eine hohe Schmerztoleranz und aufgrund des hohen Aufhängepunktes eine gute Bauchmuskulatur: gesund war und ist das allerdings nicht.
Angetrieben von geplagten Baumkletterern begannen die Hersteller Gurte zu entwickeln, die immer mehr den Namen „Baumklettergurt“ verdienten. Entwicklungsstufen gab es viele. Der Durchbruch kam mit dem ersten Drehgurt, dem SlidingD von Don Blair. Er brachte im wahrsten Sinne Bewegung ins Spiel. Französische Kletterer entwickelten Sitzgurte mit Brett, die bis heute an Bequemlichkeit fast nicht zu überbieten sind. Der Butterfly von Komet leitete schließlich eine neue Gurt-Ära ein. Modernes Design und hohe Funktionalität machten den Gurt zu einer Erfolgsstory. Kaum auf dem Markt, wurde er überholt von dem fast schon legendären Quotenkönig Austria. Ein tiefes Zentralband mit gleitendem D-Ring, bestechende Einfachheit gepaart mit modernem spritzigem Design, trieben den Konkurenten die Tränen in die Augen. Ein pfiffiges Allroundkonzept, mit abnehmbaren Trageriemen und optionalem Sitzbrett, ließ fast keine Wünsche offen.
Eine Revolution war der Kolibri-Gurt von Kaufmann. Die Beinschalen sind bis heute weltweit einmalig. Die Aufhängung des Zentralbandes an der Hüfte war zwar nicht neu, neu war aber die Verstellbarkeit zur Regulation der Sitzposition, was inzwischen von anderen Anbietern übernommen wurde. Mit fünf Drehgelenken wurde erstmalig eine Beweglichkeit erreicht, die fast jede Körperbewegung unterstützt, statt sie zu behindern. Unzählige Einstellmöglichkeiten schaffen es, dass der Gurt, mit nur einer Größe auskommt. Bequem wie ein Sitzbrett – und beweglich wie ein Schlaufengurt. Materialschlaufen in zwei Ebenen – warum war da noch niemand früher drauf gekommen? Einzig die Vielfältigkeit der Möglichkeiten überfordert manchen Einsteiger.
Edelrid, der Marktführer, erlitt mit seinem ersten Baumklettergurt Forest eine Bauchlandung. Eine Punktlandung war TreeMagic, der zweite Gurt, ein Leichtgewicht und Bewegungstalent. Diese Eigenschaften begeistern die Sportkletterer unter den Baumpflegern. Das „Multislide-Prinzip“ ist vom „Kolibri“ übernommen und weiterentwickelt worden: ein längenverstellbares Zentralband und dazu vom Anwender austauschbar. Das war eine Weltneuheit! Der Ring im Zentralband gleitet sehr schön. Mit dieser Neuerung schafft der Gurt eine fantastische Variabilität.
Was bringt 2005? Komet hat den Butterfly überarbeitet. Um den seitlichen Druck zu vermindern, wurde die Hüftaufhängung nach vorne gesetzt und das Zentralband ist – rate, rate – auswechselbar und in zwei verschiedenen Längen zu erhalten. So wie jeder Autohersteller zu jedem Modell eine Dieselversion herausbringt, bringt Komet noch den Butterfly mit Sitzbrett: den Dragonfly. Die Freunde der Bequemlichkeit wird´s freuen.
Kaufmann bringt 2005 den Kolibri II auf den Markt, der nun endlich aus den Kinderschuhen herausgewachsen ist. Auch hier – wen wundert’s – ein verstell- und auswechselbares Zentralband, kleinere und bequemere Beinschalen, bessere Aufhängung der Beinschalen, am Rücken verstellbares Hüftband, superbequemes Rückenpolster mit Wirbelunterstützung, um nur die wesentlichen Verbesserungen aufzuzählen. Der österreichische Hersteller Haberkorn hat ebenfalls nicht geschlafen und ist zum Jahresanfang mit dem neuen Austria auf den Markt gekommen. Die Frontpartie wurde vollkommen umgestaltet, es erinnert fast nichts an das alte Modell. In einem ist sich der Austria aber treu geblieben. Er ist immer noch die Nummer eins bezüglich Einfachheit und Funktionalität.
Und wie sieht die Zukunft aus? Problemzonen gibt es noch genug. Man denke nur an den oft schmerzhaften Hüftdruck. Meistens ist es ein Resultat der falschen Gurteinstellung, weil viele Anwender die Rückenstütze zu hoch in den Nieren ansetzen statt auf dem Beckenknochen. Es ist aber auch ein konstruktionsbedingter Mangel bei sämtlichen Klettergurten. An der Lösung dieser Problematik wird schon fieberhaft gearbeitet. Hier hat die Entwicklung gerade erst begonnen.
Gibt es den ultimativen Gurt? Welcher Gurt zu Ihnen passt, das erfahren Sie aus keinem Prospekt, das müssen Sie auch zukünftig immer selbst testen.
| Der Autor: Erich Rotheimer (E-Mail) ehemals Mitinhaber einer Augsburger Baumpflegefirma, Ausbilder der Münchner Baumkletterschule, Mitinhaber der Fa. Freeworker |
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