Auf Du mit einem echten Methusalem: Arbeiten an der alten Linde von Heede

Verfasst von

in

,

(Heede/Niedersachsen) Sie fasziniert nicht nur Baumpfleger – kein Mensch kann an der alten Linde von Heede vorbeigehen, ohne staunend unter dem ausladenden Blätterdach dieses uralten Baumes zu verweilen. Auch wenn die Krone schon ein wenig licht ist, zieht sie jeden in ihren Bann. Einer, der ebenso verzaubert ist von Deutschlands erstem National-Erbe-Baum, ist Jürgen Unger von Eichhorn Baumpflege. Er durfte den rund 600 Jahre alten Laubbaum pflegen. Dem Kletterblatt berichtet er von seinen Erlebnissen an der geschichtsträchtigen Linde.

Ein Baumtraum wird wahr

Kurz vor Ende unserer Fällsaison überraschte uns ein besonderer Anruf. Ein befreundeter Baumgutachter, Klaus Schöpe, war am anderen Ende: „Jürgen, wie weit ist eigentlich Heede von euch weg?“, wollte er gleich wissen. Ich wusste das nicht genau. Was ich aber wusste, war, dass dort die alte Linde von Heede steht. Ein Baum, den ich schon immer sehen wollte. Als Baumerhalter, wie wir uns bei Eichhorn nennen, hatte dieser Baum für mich einen besonderen Reiz. Für unseren Bekannten traf sich das gut, denn wir sollten die alte Linde pflegen.

Auf nach Heede

Das erste Treffen in Heede fand im Februar 2020 statt. Zusammen mit Uwe Thomsen begutachteten wir die Linde. Dieser Baum faszinierte uns schon auf den ersten Blick. In 25 Jahren als Baumpfleger habe ich schon viele alte Bäume gesehen und gepflegt. Doch die Linde übertraf alles, was ich bisher gesehen hatte. Mit 24 Metern Höhe, einem enormen Stammumfang und zehn Stämmlingen ist sie eine imposante Erscheinung. Die Stämmlinge sind an einigen Stellen nahezu ausgemorscht. Nur eine Kronensicherung hält sie zusammen. Stahlseile, textile Kronensicherungen, Plomben: die Liste der Hilfen für diesen Baum ist lang. Auf den ersten Blick sah ich keine Pilze oder Brandkrusten. Nur ein paar Rhizomorphen des Hallimasches machte ich ausfindig. Es ist allerdings nicht sicher, ob die Linde selbst der Ursprung ist. Diese Art kommt fast überall vor.

Mann steht vor sehr altem Baum mit Stützgerüst und betrachtet diesen

Pflegen am Zahn der Zeit

Unser siebenköpfiges Team startete durch. Bewusst haben wir auf Hubsteiger verzichtet, um den Wurzelbereich zu schonen. Nach Abschluss unserer Schnittarbeiten bauten wir auf zwei Etagen Kronensicherungen ein. In der unteren Ebene brachten wir zwölf Tonnengurte mit Stahlseil an. In der oberen Ebene verbauten wir sieben Tonnen mit textilen Materialien. Für drei Stämmlinge in der unteren Etage wurden Gurte angefertigt. Dies war notwendig, da die Stammumfänge wesentlich mehr als vier Meter betragen. Einige Wochen später fällten wir im Surenburger Forst Robinien. Die neun Meter langen Robinien-Rundhölzer stabilisieren nun die beiden ausladenden westlichen Stämmlinge. Letztere sind durch Fäule beschädigt. Nach dem Bau der Stützen verteilten wir auf dem gesamten Kronentraufbereich groben Rindenmulch. Er dient als Trittschutz und verhindert weitere Bodenverdichtung.

Ehrfurcht vor der Linde

Die Arbeiten an der Linde blieben nicht unbemerkt: Anwohner, Passanten und auch zahlreiche Reporter beobachteten unser Treiben. Jungen Journalisten erklärte ich, dass diese Linde dreimal so alt sei wie das älteste Haus hier im Ort. Der Baum ist also älter als der Kölner Dom. Wir haben im Vergleich zu der Zeitspanne, die die Linde von Heede schon hinter sich hat, für unsere Arbeiten nur fünf Tage gebraucht. Fünf Tage und acht Baumpfleger, die der Linde so noch hoffentlich zahlreiche weitere Jahre schenken, in der sie noch viele Generationen von Menschen beeindrucken soll.

Der Autor: Jürgen Unger (E-Mail)
Baumpfleger, Inhaber von Eichhorn Baumpflege

 

Das Heede-Team

Diese Baumliebhaber leisteten in fünf Tagen einen großen Beitrag, um die alte Linde von Heede für die nächsten Jahrzehnte fit zu machen: Bastian Maasern, Fabian Gäckle, Marcel Janssen, Robin Mayr, Marc Lennart Wiederneit, Konstantin Trojanov, Maximilian Langlotz, Jürgen Unger

Fünf Menschen in der Krone einer alten Linde, zwei stehend vor dem Stamm

Historisches zur Linde

Dr. Andreas Roloff beschreibt in seinem Buch „Die starken Bäume Deutschlands“ die Entstehung der Linde. Vermutlich sei sie im letzten Holländischen Krieg beschädigt worden. Wohlmöglich verlor sie dabei ganz ihre damalige Krone. Sie trieb neue Stämmlinge aus, von denen heute noch zehn leben. Früher bedeckten den Stumpf Holzbohlen. Darauf platzierten die Menschen Kanonen. Man geht davon aus, dass später aber die damalige Bevölkerung darauf Gottesdienste oder Tanzveranstaltungen abhielt. Noch heute sind die Heeder ihrem Baum tief verbunden. Trauungen, die Proklamation des Schützenkönigs oder auch der Gottesdienst zu Fronleichnam werden hier abgehalten.

Was sind „Nationalerbe-Bäume“?

„Altern in Würde“, das möchte das Kuratorium „Nationalerbe-Bäume“ geschichtsträchtigen Baumriesen ermöglichen. Leiter dieser Institution ist Prof. Dr. Andreas Roloff. Der promovierte Diplom-Forstwirt und sein Team um „Nationalerbe-Bäume“ lenken so die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass es in Deutschland zu wenig wirklich alte Bäume gibt. Sie gehen davon aus, dass kein einziger Baum die 1000-Jahres-Marke überschritten habe. Schuld daran könnten unter anderem Kappungen sein, die den Baum verkehrssicherer machen sollen. Standortprobleme und andere Stress-Einflüsse geben dann den Bäumen den sprichwörtlichen Rest. „Wir haben für solche alten Bäume eine hohe Verantwortung, sie sind ein wichtiger Lebensraum und wir müssen alles daransetzen, sie der Nachwelt zu erhalten“, schreibt das Kuratorium auf ihrer Website. Die Kriterien für einen solchen Baum sind, dass er einen Stammunfang von mindestens vier Metern haben muss. Mindestalter sind über 400 Jahre. Außerdem muss ein solcher Baum zu einer Baumart gehören, die in Deutschland deutlich über 500 Jahre alt werden könnte. Die Linde von Heede ist seit 5. Oktober 2019 der erste Nationalerbe-Baum.

Eckdaten der alten Linde von Heede
Standort Ortseingang von Heede im Landkreis Emsland/Niedersachsen
Baumart Sommer-Linde (Tilia platyphyllos)
Alter circa 600 bis 800 Jahre (kann nur geschätzt werden)
Stammumfang rund 17 Meter
Stumpfgröße circa 16 Quadratmeter
Höhe 24 Meter
Kronenbreite geschätzte 30 Meter
Nationalerbe-Baum seit 5. Oktober 2019
Weitere Namen Dicke Linde, Linde von Heede, 1000-Jährige

 

Online blättern im Kletterblatt 2021 » Auf Du mit einem echten Methusalem: Arbeiten an der alten Linde von Heede Nach oben

Kommentare

Schreibe einen Kommentar