Obstbaumschnitt

Das kleine Juwel der Münchner Baumkletterschule: Keine zweifelhaften Rezepte, sondern grundlegendes Wissen. Das vermittelt Kai Bergengruen in den Baumschnittkursen der Münchner Baumkletterschule. Er lässt sich höchstens einmal zu einer Faustregel hinreißen: 2/3 des Schnittes im äußeren Drittel! Ansonsten geht es ihm darum, den Interessierten ein solides Wissen zu vermitteln, damit sie eigene, der Situation angepasste Entscheidungen treffen können.

Es ist kalt und nass. Aber was macht das schon einem Baumpfleger aus, wenn es um den perfekten Obstbaumschnitt geht. Und außerdem ist der Leberkäs heiß, den die 15 Frauen und Männer in einer Pause genießen. In Waldhilsbach, in einem intakten Streuobstgürtel mit großen alten Birnen und kleineren Neuanpflanzungen wird in der Praxis geübt, was zuvor in Heidelberg theoretisch gelernt worden war. Bergengruen, der Kursleiter dieses Obstschnittkurses für Baumpfleger, war einst als Co-Referent von Johannes Bilharz engagiert worden. Bergengruen ist ausgebildeter Obstbaumeister, Fachagrarwirt Baumpflege und B-Kletterer. Wie Johannes Bilharz begeistert er sich für den richtigen Obstbaumschnitt: „Es tut schon weh, wenn man immer wieder auf verschnittene Bäume trifft.“

Überall stehen sie in der Landschaft, die alten schwäbischen Etagenkronen mit den zu flach gezogenen Leitästen. Für ihn ist es wichtig, dass auch beim Obstbaumschnitt auf die Baumstatik geachtet wird. Denn eine Oeschbergkrone mit stabilen und aufstrebenden Leitästen sei im Obstbau ideal. Nach seiner Einschätzung werden in vielen Kursen lediglich die Erfahrungen aus dem Intensivanbau weitergegeben, die dann von Laien auf großkronige Bäume übertragen werden. „Mit moderner Baumpflege haben viele Obstbaumschnittkurse nichts zu tun.“

Die Teilnehmer in Waldhilsbach schätzen das Engagement von Kai Bergengruen. Sie schauen sich mit ihm „ihre“ Bäume an, diskutieren über den Zustand und die Vitalität des Baumes, überlegen was dieser braucht. Bergengruen macht immer wieder klar, dass im Spannungsfeld zwischen dem, was ein Baum eigentlich bräuchte und was der Nutzer als Ziel definiert, eine nicht immer leichte Entscheidung getroffen werden muss. Oft wird halt nur das geschnitten, was in Armlänge erreichbar ist. „So nicht“, sagt Bergengruen: „Schneiden wo nötig, nicht nur da wo möglich!“ Damit dies ohne halsbrecherische Aktionen machbar ist, setzt er Seile zur Sicherung ein. Teilnehmer mit einem absolvierten A-Kletterkurs können am Langseil in den großen Bäumen klettern. Kursteilnehmer ohne Kletterschein bekommen einen Gurt mit Kurzsicherung. Und sind begeistert. „Bisher stand ich auf der Leiter, habe den Arm ausgestreckt, noch ein Stück und noch ein Stück und gehofft, dass die Leiter stehen bleibt. Jetzt gehe ich einfach von der Leiter!“ Dieser Ausflug in einen kleinen Obstbaum macht Appetit auf mehr!

Johannes Bilharz hatte den Obstbaumschnittkurs für Baumpfleger bei der Münchner Baumkletterschule eingeführt, weil zum einen Obstbäume auch Bäume sind und außerhalb des gewerblichen Obstanbaus Nachfrage nach der Schnittpflege vorhanden ist. Das ist seines Erachtens Sache von Baumpflegern. Zum anderen hat er durch seine Jahrzehnte zurückreichende Erfahrung sehr viele weitreichende Erkenntnisse gewonnen, die nicht allgemein bekannt oder veröffentlicht sind. Dazu gehört das Wissen, wie Bäume geschnitten werden können, ohne Wasserschossbildung und ohne lebensverkürzende Eingriffe, und das auch bei starken Eingriffen. Aber auch die Unkenntnis der Baumpflege-Fachwelt über die physiologischen Auswirkungen von Schnitteingriffen während und außerhalb der Vegetation, die dazu führen kann, dass gutgemeinte Schnitteingriffe „während der Vegetation“ zum Absterben von Kronen und Bäumen führen und sich niemand darüber wundert, ist für Bilharz Grund für sein Kurs-Engagement. Diese Erkenntnisse weiter zu tragen und für die Nachwelt zu sichern, ist das Ziel seiner Kurse. Teilnehmer beeindruckt die Leidenschaft, mit der er sein enormes Wissen aus 30 Jahren Obstbaumschnitt den Kursteilnehmern weitergibt.

Während Johannes Bilharz sich in seinen Kursen vorzugsweise um den Schnitt von verwahrlosten und vernachlässigten Obst- und Streuobstbäumen kümmert, umfasst das Thema bei Kai Bergengruen die Obstbäume im Allgemeinen. Kai Bergengruen führt mit eigenen Ideen, aber mit der gleichen Leidenschaft die Kurstradition fort, die den Obstbaumschnitt als Teilgebiet der Baumpflege sieht! Und wenn die Kursteilnehmer aus Waldhilsbach nach dem Kurs feststellen, dass Gesetzmäßigkeiten bei Apfelbäumen auch für Eichen gelten und umgekehrt, dann weiß Bergengruen, dass sein Unterricht angekommen ist. Jetzt müssen die Teilnehmer nur noch die Zielsetzungen in der Praxis mit den neu gewonnenen Erkenntnissen in Einklang bringen. Da hilft nur üben und beobachten. Na denn, rauf auf die Obstbäume …

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