Wissen, wo Kräfte wirken (Teil I) – Ankerpunktversagen

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Das Versagen von Ankerpunkten ist häufig die Ursache für Unfälle im Baum. Warum versagen Ankerpunkte und wie kann dies verhindert werden?

Die Auswertung von Kletterunfällen war vor dem Jahr 2001 sehr schwierig, weil die SKT von der Gartenbau-BG als Unfallpflichtversicherer nicht in jeder Hinsicht anerkannt war. Je nach Vorstellungskraft des Unternehmers tauchten diese Unfälle in den Sparten Sägenarbeit am Boden, Leitereinsatz oder Treppensturz wieder auf und wurden in der Regel von der BG getragen.

Sicherlich verschwindet der eine oder andere Vorfall auch heute noch auf diese Art. Aber inzwischen können wir auf eine Statistik zurückgreifen, die klare Unfallschwerpunkte aufzeigt. Diese Statistik ist nicht dazu da, die Verunfallten zu bestrafen oder Ansprüche abzuwehren, sondern um Schwachstellen der SKT zu finden und diese durch die Verbesserung von Ausrüstung und Ausbildung zu beseitigen.

Wo liegen insgesamt die Unfallschwerpunkte?
Ohne den Hergang oder die technischen Einzelheiten näher zu betrachten, zeigt sich sehr deutlich, dass die verunfallten Kletterer in der Mehrzahl über dem Niveau ihrer Ausbildung gearbeitet haben. Fehler in der Anwendung der SKT unterliefen meist unausgebildeten Kletterern, während Probleme bei der Handhabung der Motorsäge eher bei Kletterern ohne B-Kurs auftraten. Auch erfahrene und gut ausgebildete Kletterer machen Fehler, und es gibt Baumpfleger, die ohne A- oder B-Zertifikat sehr routiniert mit Seil und Säge umgehen können.

Diese Ausnahmen verfälschen aber in keiner Weise die Unfallstatistik, deren Grundaussage in einem Satz zusammengefasst werden kann:
Der erste und wichtigste Schritt zur Unfallverhütung ist eine gute Ausbildung!

Nach der mangelhaften oder fehlenden Ausbildung spielt überraschend das Versagen von Ankerpunkten eine große Rolle im Unfallgeschehen. Leider ist die Erfassung der Unfälle noch nicht so genau, wie wir Ausbilder uns das wünschen. Mit steigender Fachkompetenz seitens der Technischen Aufsichtsbeamten wird sich das in Zukunft ändern. Nähern wir uns nun dem Phänomen Ankerpunktversagen schematisch.

Welche Ankerpunkte gibt es bei der SKT?
a) Aufstiegsseil
Das Aufstiegsseil ist das erste Seil, das im Baum installiert wird. Es dient, wie der Name verrät, zum Aufstieg vor dem Arbeiten, ist aber auch die schnellste Zugriffsmöglichkeit bei einer Rettung. Man unterscheidet den Aufstieg am stehenden Doppelseil und am stehenden Einfachseil.
Als Ankerpunkt dient eine tragfähige Stamm- oder Astgabelung, durch welche das Seil vor Beginn des Aufstiegs gezogen wird. Der Einbau geschieht möglichst hoch, um ohne zeitraubendes Umseilen die Position für den Kambiumschonereinbau zu erreichen.

b) Kambiumschoner
Der Kambiumschoner ist die (oberste) Umlenkung des Kletterseils bei der Anwendung der SKT. Ankerpunkt ist wiederum eine tragfähige Stamm- oder Astgabelung, in die der Kambiumschoner vom Boden aus oder nach dem Aufstieg eingebaut wird.
Mit verstellbaren Kambiumschonern oder kreuzendem Einbau kann man auch ohne Gabelung ankern. Der Einbau soll möglichst hoch erfolgen, um steile Seilwinkel für die Arbeit im Außenbereich der Krone zu gewährleisten.

c) Kurzsicherung
Die Kurzsicherung ist das zweite Seil, das der Kletterer braucht, um mit wechselnden Sicherungen aufsteigen zu können und um eine stabile Arbeitsposition in Form eines Kräftedreiecks aufbauen zu können. Der Ankerpunkt beim Aufstieg mit wechselnden Sicherungen ist eine tragfähige Stamm- oder Astgabelung.
Bei den Arbeiten im Außenbereich der Krone dient als Ankerpunkt ein möglichst tragfähiger Ast. Wegen der verfügbaren Seillänge und zur besseren Stabilisierung erfolgt der Einbau in unmittelbarer Nähe des Kletterers. Das Kletterseil und die Kurzsicherung stehen in einem Winkel zueinander, der ein stabiles Kräftedreieck ermöglicht.

Warum versagen Ankerpunkte?
Vier Hauptpunkte sind zu nennen:

1. Fehleinschätzung der Belastbarkeit
Der Ankerpunkt wurde an einem Totast angebracht, ist zu schwach für die jeweilige Holzart, oder es gibt statisch relevante Schäden unterhalb des Ankerpunktes.
a) Aufstiegsseil
• AP beim Einbau schlecht einsehbar (Belaubung, Gegenlicht, Entfernung)
• doppelte Belastung des AP bei Einfachseilsaufstieg nicht berücksichtigt
b) Kambiumschoner
• fehlende Kenntnis über das Bruchverhalten von Holzarten
• während des Aufstiegs Schäden am Stamm/Stämmling übersehen
c) Kurzsicherung
• Kurzsicherung um Totholz oder zu dünne Äste gelegt
• Die Position einer Kurzsicherung ist nicht immer ein vollwertiger und damit tragfähiger AP, da in der Baumpflege häufig im Außenbereich der Krone gearbeitet wird.

2. Falsche Lastwinkel
Das Holz am Ankerpunkt wird quer zur Faserrichtung belastet.
a) Aufstiegsseil
• AP an zu dünnen waagerechten Ästen
• AP an waagerechten Ästen zu weit außen
b) Kambiumschoner
• AP an zu dünnen waagerechten Ästen
• AP an waagerechten Ästen zu weit außen
• AP rutscht beim Klettern nach außen
c) Kurzsicherung
• Kraft wirkt an dünnem AP quer zum Ast

3. Fangstoß
Ein temporär entlasteter Ankerpunkt wird ruckartig mit großer Kraft belastet.
a) Aufstiegsseil
• ruckartiges Be- und Entlasten statt fließender Bewegungen
b) Kambiumschoner
• Sturz nach Klettern mit Schlaffseil
• großer abgesägter Ast fällt zwischen Kletterer und AP auf das Kletterseil
• Ablassseil kreuzt Kletterseil bei Abseilarbeiten und überträgt große Last auf den AP
c) Kurzsicherung
• Sturz in durchhängende Kurzsicherung
• Füße verlieren Halt in der Arbeitsposition
• großer abgesägter Ast fällt auf die Kurzsicherung
• Ablassseil kreuzt Kurzsicherung
• Kletterseil wird durchtrennt

4. Ankerpunkt abgesägt
a) Aufstiegsseil
• nahezu unmöglich, weil am Aufstiegsseil wegen der schlechten Rückzugsmöglichkeiten (Selbstrettung) nicht gearbeitet werden sollte
b) Kambiumschoner
• wegen schlechter Positionierung und/oder Schnittführung bei Sägearbeiten Ankerpunktstämmling mit durchtrennt
• unkonzentriertes Arbeiten, Stämmlinge verwechselt (Das ist tatsächlich schon passiert!)
c) Kurzsicherung
• wegen schlechter Positionierung und/oder Schnittführung bei Sägearbeiten Ast der Kurzsicherung mit durchtrennt

Wie kann man das Versagen von Ankerpunkten verhindern?
• Bei der Gefährdungsermittlung werden Schäden am Baum und die Holzart herangezogen, um Position und Stärke des Ankerpunktes für das Aufstiegsseil und die jeweilige Aufstiegstechnik zu bestimmen.
• Schlecht einsehbare Ankerpunkte werden von verschiedenen Positionen aus geprüft. Gegebenenfalls wird ein Fernglas verwendet. Gibt die Sichtprüfung keine Klarheit, muss neu geworfen und eventuell tiefer geankert werden.
• Während des Aufstiegs wird der Baum weiter auf statisch relevante Schäden untersucht.
• Jeder Ankerpunkt (Aufstiegsseil, Kambiumschoner, Kurzsicherung) sollte möglichst längs zur Ausrichtung der Holzfasern belastet werden.
• Für das Klettern im Außenbereich der Krone wird nicht der Ankerpunkt nach außen verlegt, sondern mit Umlenkungen oder einem zusätzlichen Ankerpunkt gearbeitet.
• Der Kletterer muss auf permanent straffe Seilführung achten.
• In der Arbeitsposition müssen Kurzsicherung und Kletterseil belastet sein und die Füße einen möglichst guten Stand haben, um ein wirksames Kräftedreieck zu bilden.
• Die Kurzsicherung sollte (auch) im Außenbereich der Krone immer um den tragfähigsten der erreichbaren Äste gelegt werden.
• Abgesägte Äste und Stammstücke dürfen nie in Richtung Seil oder Kurzsicherung fallen.
• Bei Abseilarbeiten darf das Ablassseil weder die Kurzsicherung noch das Kletterseil kreuzen.
• Der Kletterer muss bei Arbeiten mit der Motorsäge über Positionierung und Schnittführung gewährleisten, dass der Ankerpunktstämmling/-ast nicht versehentlich mit durchtrennt wird.
• Direkt vor dem Schnitt muss mit einem Blick überprüft werden, ob die Säge an der richtigen, vorher beabsichtigten Stelle angesetzt wird.
• Der Bodenmann beobachtet den Kletterer während der Arbeit und weist ihn auf Probleme hin. Seilunterstützte Baumpflege ist Teamarbeit, in jeder Hinsicht.

Die oben stehenden Regeln lassen sich in einem Satz zusammenfassen, dessen Berücksichtigung nicht nur die Gefahr des Ankerpunktversagens, sondern auch die meisten anderen Gefahren im Baum auf ein Minimum verringert:
Jeder Arbeitsgang, der mit den Händen begonnen wird, muss zuvor im Kopf durchdacht und abgeschlossen sein.

Der Autor: Bernhard Schütte (E-Mail)
Dipl.-Ing. Forstwissenschaft, Fa. happy tree Baumpflege, seit 5 Jahren Ausbildungsleiter im Team der Münchner Baumkletterschule

 

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Wissen, wo Kräfte wirken (Teil II) – Der Fangstoß beim Abseilen von Andreas Detter (Kletterblatt 2005)

 
Online blättern im Kletterblatt 2005: "Wissen, wo Kräfte wirken (Teil I)" Nach oben
 

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