In der Diskussion: Fahren oder klettern?

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Die Auseinandersetzung um den richtigen Weg in den Baum. Seilklettertechnik (SKT) und Hubarbeitsbühne: Das sind die am meisten eingesetzten Arbeitsverfahren in der Baumpflege. Trotzdem kommt es bei Ausschreibungen für Baumpflegemaßnahmen immer wieder zu Diskussionen, weil das eine oder andere Verfahren a priori ausgeschlossen werden soll. Was steckt hinter diesem Streit? Was können die einzelnen Verfahren tatsächlich leisten und was ist wirklich sinnvoll?

Eigentlich ist alles klar: Die Vorschriften der Berufsgenossenschaften erlauben für Baumarbeiten bei Erfüllung bestimmter Voraussetzungen sowohl den Einsatz der Seilklettertechnik als auch den Einsatz der Arbeitsbühne. Eigentlich alles klar. Doch der Teufel steckt im Detail. In der Verordnung gibt es nämlich einen Passus, der die Arbeiten mit der Motorsäge im Baum eingrenzt. So wird die SKT für die Arbeit mit Motorsäge nicht als Standardarbeitsverfahren betrachtet, sondern nur als Ausnahme da, wo die Arbeitsbühne nicht geeignet eingesetzt werden kann (s. Anlage 1 zu VSG 4.2). Also doch kein gleichberechtigtes Miteinander? Und was heißt „geeignet“? Das Wort „geeignet“ ist derzeit der Streitpunkt in der Verordnung. Dabei wäre diese Eingrenzung überhaupt nicht nötig. Würde in der Verordnung stehen, dass „nur geeignete Verfahren eingesetzt werden“ dürfen, wäre die Welt in Ordnung und die Sicherheit trotzdem gewährleistet. Was heißt aber nun geeignet und für was eignen sich die einzelnen Arbeitsverfahren? Wo liegen ihre Vor- und Nachteile?

Das heute allgemein angewandte Verfahren der SKT vermittelt Techniken, die das Bearbeiten von Bäumen auch mit der Motorsäge sehr sicher machen. Jede Sicherheitsregel kann natürlich vom Anwender missachtet werden. Aber dies betrifft sowohl Arbeiten mit der Arbeitsbühne als auch Arbeiten mit der SKT. Die Statistik zeigt eindeutig, dass die meisten Unfälle nicht aufgrund des Arbeitsverfahrens, sondern aufgrund der Missachtung von Sicherheitsvorschriften passieren. Sicher und unsicher sind beide Verfahren. Wo liegen also die einzelnen Stärken und Schwächen?

Herausragender Vorteil der Klettertechnik ist sicherlich das hohe Maß an Flexibilität. Mit geringstem Mittelaufwand ist man in der Lage, die größten Bäume zu pflegen. Für Kronenpflege ist nicht mehr Ausrüstung notwendig, als in eine kleine Kiste oder einen Rucksack hineinpasst. Der große Vorteil der Hebebühne liegt darin, dass dieses Verfahren von jedem eingesetzt werden kann: Mieten, erklären lassen und los. Fast flächendeckend kann man in ganz Deutschland Arbeitsbühnen mieten und jeder kann innerhalb kürzester Zeit die Bedienung und Handhabung des Gerätes erlernen. Eine Ausbildung ist nicht notwendig. Für die Klettertechnik hingegen ist neben einer umfassenden Ausbildung viel Übung und Erfahrung notwendig, auch etwas Ehrgeiz und Spaß an körperlicher Betätigung dürfen nicht fehlen.

Witterungseinflüsse spielen beim Hebebühneneinsatz eine geringere Rolle und für den Motorsägeneinsatz ist eine sichere Standposition immer gegeben. Die körperliche Anstrengung ist bei der Arbeitsbühne auf ein Minimum reduziert, während beim Klettern der Verbrauch an Kalorien wesentlich höher ist.

Die Anschaffungskosten beim Kauf einer Hebebühne sind ausgesprochen hoch. 100.000 bis 200.000 Euro kommen da schon zusammen. Dagegen sind die Investitionskosten von 2.000 bis 5.000 Euro des Kletterers eher bescheiden. Die Anschaffungskosten sind aber nicht in jedem Fall entscheidend. Betriebswirtschaftlich gesehen ist der Kosten-Nutzen-Effekt wichtig. Konkret: Was bleibt unterm Strich? Welches Verfahren ist das kostengünstigste?

Wer hier seriös argumentieren will, muss differenzieren. Die Kosten eines Verfahrens hängen nämlich von sehr vielen Faktoren ab, von denen hier nur einige genannt werden können: So ist es in der Kalkulation wichtig, ob die Arbeitsbühne gemietet oder gekauft ist und wie häufig sie eingesetzt wird. Wie routiniert ist der Bühnenfahrer und wie häufig muss die Arbeitsbühne umgestellt werden? Wie dichtkronig ist der zu bearbeitende Baum und sind genug ausgebildete Kletterer vorhanden? Wie gut und routiniert arbeiten sie und was kosten die Kletterer? Werden Subunternehmer oder eigene Arbeitskräfte eingesetzt? Ist der Baum schwierig zu klettern oder einfach? Ist der Baum ausreichend stand- und bruchsicher? Lassen die Witterungsbedingungen einen Klettereinsatz zu?

Diese Fragen pauschal zu beantworten ist sehr schwierig. Wo beide Verfahren angewendet werden können, dürfte an dichtkronigen Bäumen die SKT die Nase vorn haben. Dort ist es oft nicht möglich, die Arbeitsbühne ohne Schäden am Baum in den Baum hineinzuzirkeln. Dagegen wird bei Fällungen das Seilkletterverfahren in der Tagesleistung nur bei kleinen Bäumen mithalten können. Bei Arbeiten im Außenastbereich von weitausladenden großen Bäumen muss man schon fast Weltmeisterqualitäten haben, um mit SKT der Arbeitsbühne den Rang abzulaufen.

Mit Sicherheit sinnvoll kann die Kombination beider Verfahren sein. Die Arbeitsbühne setzt die Kletterer oben in der Baumkrone ab, bearbeitet die Peripherie und übernimmt die Motorsägenarbeiten. Hier sparen sich die Kletterer den Seileinbau und den kräftezehrenden Aufstieg. Die Vorteile von Arbeitsbühne und SKT lassen sich so optimal ausnutzen. Bei Alleen und engstehenden Baumreihen, besonders bei Pyramidenpappeln, ist diese Verfahrenskombination fast unschlagbar.
Arbeitsbühnen sind auf eine geeignete Zufahrtsmöglichkeit angewiesen, der Standplatz muss belastbar und nicht zu steil sein. Hinterhöfe und abschüssiges oder unwegsames Gelände schließen somit in vielen Fällen einen Arbeitsbühneneinsatz aus. Aber auch die Seilklettertechnik hat ihre Grenzen. Ist die Stand- und Bruchsicherheit des Baumes nicht gewährleistet, muss der Einsatz der SKT unterbleiben. Ebenso sind nasse Bäume so rutschig, dass der Zeitaufwand für sicheres Klettern sehr hoch und damit unrentabel werden kann. Auch breitkronige Bäume, ohne hohe zentrale Ankerpunkte, können für den SKT-Einsatz zu gefährlich sein. Ebenso muss die Sicherheit des Aufhängepunktes für das Seil absolut gewährleistet sein.
Wer sich in der Praxis umschaut und erfolgreiche Baumpflegefirmen miteinander vergleicht, wird zwar sehr viele verschiedene Strukturen und Arbeitsweisen vorfinden. Doch erfolgreiche Unternehmer haben eines gemeinsam: Sie setzen auf beide Verfahren. Es gibt kaum Baumpflegefirmen mit eigenen Arbeitsbühnen, die nicht auch Kletterer beschäftigen, und es gibt kaum Kletterer, die nicht auch Arbeitsbühnen einsetzen. Das ist verständlich, denn so kann für jede Situation jeweils die geeignetste Lösung angeboten und eingesetzt werden.
Auftragsanbieter und Berufsgenossenschaften sollten es den Fachfirmen überlassen, für welches Verfahren sie sich im Einzelfall entscheiden. Schließlich darf die SKT nur von ausgebildeten Kräften angewendet werden und es muss vor jedem Einsatz eine Gefahrenermittlung durchgeführt werden. Abgrenzung aus Konkurrenzangst ist die falsche Strategie für erfolgreiches und kostengünstiges Arbeiten.

Der Autor: Johannes Bilharz
Leiter der Münchner Baumkletterschule

 
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