Menschen in körperlich anstrengenden Berufen haben primär ein erhöhtes Unfall- und damit Verletzungsrisiko und aufgrund der langjährigen Überlastung des muskuloskelletalen Systems eine erhöhte Disposition für Verschleißerkrankungen (Arthrose). Zu diesen Personen gehören auch die Baumkletterer. Tanja Sachs, lange Jahre selbst aktive Baumkletterin, will mit dem Projekt LS-Arborfit den Kletterprofis helfen: Screening und Hilfe zur Selbsthilfe.
Du wirst es kaum glauben, aber auch ich hing mal fast täglich in den Seilen. Baumpflege ist meine Berufung. Ich habe meine Arbeit am und im Baum geliebt, bis mein Körper der Belastung nicht mehr standhielt. Mir ist immer wieder mal nachts die Hand bzw. der ganze Arm eingeschlafen. Gerade in der Fällsaison mit viel Steigeiseneinsatz spürte ich meinen Rücken deutlich. Als Lösung habe ich mir eine sündhaft teure Matratze und ein ergonomisch geformtes Kopfkissen gekauft. Ich bin zu diversen Physiotherapeuten, Krankengymnasten, Masseuren und Orthopäden gegangen –aber keiner konnte mir eine befriedigende Antwort auf die Frage geben, was ich schon während der Arbeit und dann darüber hinaus tun kann, um meine Arbeitskraft zu erhalten.
Durch meine Lehrtätigkeit (ETW- und ETT-Kurse) kam ich mit vielen Kletterern in Kontakt, die mir von gleichen Problemen berichteten und aufzählten, was sie alles schon ausprobiert hatten, um diese in den Griff zu bekommen. In Gesprächen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Münchner Baumkletterschule und von Freeworker wurde mir die Aktualität und Brisanz dieses Themas bestätigt. Dies habe ich zum Anlass genommen, mich genauer mit dem Thema auseinanderzusetzen. Zusammen mit Anja Überschär veröffentlichte ich 2009 im Kletterblatt die Ergebnisse erster Überlegungen zum Thema Handsäge unter baumbiologischer und arbeitsergonomischer Sicht.
Dies war ein erster Schritt, und er hat vielen Baumpflegern geholfen. Aber mir war schon damals klar, dass dies nicht genug war, sondern mehr folgen musste, dass ich in die Materie tiefer einsteigen wollte, um Antworten auf die Fragen zu finden. Schließlich lieben die Baumpfleger ihren Beruf und wollen aus eigenem Antrieb etwas tun, um ihre Gesundheit zu erhalten.
Seit mehr als zwei Jahren beschäftige ich mich nun sehr intensiv mit diesem Thema und mache eine berufliche Fortbildung zum Fitness Master Trainer mit Schwerpunkt Trainingstherapie, Sporternährung und Sportreha-Training. Hier lernte ich die Fitnessökonomin Nina Landwehr kennen. Sie ist eine Expertin auf dem Gebiet der Trainingstherapie, Regeneration und Prävention und arbeitet als Ausbilderin von Fitnesstrainern für die Academy of Sports und als Rückenschulspezialistin für die AOK Baden-Württemberg. Ihr spezielles Arbeitsgebiet ist es, Sportlern zu helfen durch gezielte Optimierung von Arbeitsabläufen, Regeneration und Prävention ihre Leistungsfähigkeit selbst zu verbessern. Es ist mir gelungen, sie für ein gemeinsames Vorhaben zu gewinnen. Sie unterstützt mich in der Konzeptionierung, Ausarbeitung und Umsetzung eines Projektes speziell für kletternde Baumpfleger.
Im professionellen Spitzensport ist es mittlerweile üblich, ein Screening der Sportler durchzuführen und danach einen darauf aufbauenden individuellen Trainingsplan und Maßnahmen der Physiotherapie und Regeneration zu erstellen. Grundlage ist das FMS (Functional Movement Screen) und der Y-Balance Test. Durch dieses Screening werden Schwachpunkte lokalisiert, danach werden mit weiteren Tests deren Ursachen eruiert. Es wird die Frage geklärt, ob es sich um eine muskuläre Schwäche oder um ein Problem des Bindegewebes – insbesondere der Faszien – handelt.
Im Rahmen des Projektes werden wir ca. 30 kletternde Baumpfleger screenen, um verwertbare Aussagen über Maßnahmen machen zu können, die jeder Baumpfleger durchführen kann, um seine Arbeitskraft zu erhalten. Im Spitzensport ist der Einsatz von Kinesiologischem Taping längst Alltag. Diese Tapes werden eingesetzt, um Schwachpunkte zu behandeln, die Regeneration zu fördern, die Leistung zu steigern und den Körper zu aktivieren (Abb. 1+2: Spezielle Tapeanlage für kletternde Baumpfleger). Um das jeweilige Ziel zu erreichen, muss zunächst bekannt sein, welche sportartspezifischen Belastungen während des Arbeitsalltages auftreten.
Danach kann die entsprechende Anlagentechnik für die zu erreichende Zielsetzung angewandt und eingesetzt werden.
Insbesondere während Phasen hoher Belastung sind Verklebungen in der Muskulatur nicht zu vermeiden. Werden diese nicht behandelt, sind Leistungseinbußen und erhöhte Anfälligkeit für Verletzungen die Folge. Außerdem ist die Förderung der Regeneration nach der Belastung erforderlich, um schnell genug wieder einsatzbereit zu sein. Im Leistungssport verwendet man unter anderem seit Jahren diverse Techniken zur Myofascial Release (eine Art Selbstmassage). Hierbei kommen spezielle Bälle und Rollen mit sportartspezifischen Ausführungstechniken zur Anwendung (Abb. 3+4: Nach einer fachkundigen Anleitung können auch Baumpfleger spezielle Übungen zur Selbstmassage durchführen.).
Dies ist ein kurzer Überblick, was wir ganz individuell für Baumkletterer entwickeln wollen. Darüber hinaus wird es Empfehlungen geben zum Thema Sporternährung, da die Regeneration auch von der Qualität und der Quantität der Lebensmittel abhängig ist. Wir werden uns weiterhin den Themen Funktionsbekleidung (Windchill, Thermoregulation) und Optimierung von gängigen Bewegungsabläufen zur Effizienzsteigerung, Energieersparnis und der gezielten Regeneration bereits während der Arbeitsausführung widmen.
Projektstart und somit Start des Screenings wird Mai 2014 sein. Bis zum Ende des Jahres werden die Ergebnisse ausgewertet und durch weitere Fachleute aus den jeweiligen Spezialgebieten, z. B. Faszien, Osteopathie etc., überprüft. Bis Mitte 2015 werden die ersten verwertbaren Ergebnisse und Empfehlungen bekannt gegeben.
| Die Autorinnen: Tanja Sachs (E-Mail) Baum-Sachverständige, Dozentin Baumpflegebildung (ETW, ETT, FAW, zert. Baumkontrolleur), Mitwirken an nationalen und internationalen Bildungsstandards und Regelwerken, lässt sich zur Zeit weiterbilden zum Master Fitnesstrainer Nina Landwehr |
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