Eine Nacht im Portaledge. Eine Nacht in der Wand. Nur der hauchdünne Boden des Portaledges trennt den Schläfer von der saugenden Tiefe. Für viele ein Alptraum. Für andere ein Wunschtraum. Martin Leberecht, leidenschaftlicher Mittelgebirgsalpinist aus Norddeutschland und Mitarbeiter der Münchner Baumkletterschule, konnte es realisieren: Spektakulär träumen, zwischen Himmel und Erde.
Manchmal braucht es etwas Glück, um Ungewöhnliches erleben zu können, z. B. Eine Nacht im Portaledge. Mitte September 2008 trafen sich die fünf glücklichen Gewinner des „Senkrechtschlafer“-Gewinnspiels der Zeitschrift „Alpin“ auf dem Parkplatz der Brauneckbahn in Lenggries, um nach allen Regeln der Kunst in einer Wand zu übernachten. Mit den Zweifeln über Sinn und Zweck solcher Aktionen kam ER: Tom Tivadar, ein international führender Bigwallspezialist, der uns sozusagen über Nacht in die Geheimnisse des Portaledgelebens einweisen sollte. Und mit ihm kam das Gepäck. In seinem Auto stapelten sich mehrere Haulbags mit jeweils über 100 Liter Volumen, prall gefüllt mit Klettermaterial. Die Gesamtlänge seiner Seile erreichte Kilometerdimensionen.
Am Wandfuß angekommen gab es von Tom eine Einführung in die wichtigsten Bigwalltechniken und Lektionen über den Aufstieg am Seil. Was für den SKT-anwendenden Baumpfleger eine Selbstverständlichkeit ist, stellt für den Sportkletterer im besten Fall eine Neuheit, im schlechtesten Fall ein Sakrileg dar. Denn wer am Seil aufsteigt, hat Trittleitern, und wer Trittleitern hat, benutzt sie auch zur Fortbewegung und klettert somit technisch! Tom klettert gerne technisch und dies in extremster Form. Die Erstbegehung von „Highway to Hell“ am El Capitan im Yosemite Valley belegt dies eindrucksvoll. Die erste Seillänge beispielsweise ist so strukturlos, dass bis zum Standplatz keine einzige sturzhaltende Sicherung untergebracht werden kann! Im Anschluss an die Erzählungen aus solchen gruseligen Routen folgten als Finale die Ausführungen, wie Männlein und Weiblein in der Wand zu pinkeln hätten und was dabei tunlichst zu vermeiden sei. Einleuchtende Beispiele rundeten das Thema ab.
Unter diesen Eindrücken wurden dann die Portaledges montiert. In weiser Voraussicht ob des Zustands einiger Ledges, der zurückhaltend mit stark gebraucht umschrieben werden kann, vorsichtshalber am Boden. Nur unter vollem Einsatz zweier Körpergewichte und kräftigem Fluchen ließen sich die betagten Portaledges zusammenbauen. Man stelle sich dies inmitten einer großen Wand bei beginnendem Sturm vor.
Nach vollbrachtem Zusammenbau wird an den zuvor fixierten Seilen zu den Ständen aufgestiegen und der Schlafplatz eingerichtet. Interessant wird es, die Isomatte in das Portaledge zu legen, während man selber darauf sitzt. Um diesen Vorgang erfolgreich auszuführen, ist insbesondere von länger geratenen Bergsteigern ein erhöhtes Maß an Beweglichkeit und Geschicklichkeit gefordert, da der Platz zum hantieren doch arg begrenzt ist und ein falsch belastetes Portaledge einfach umkippt. Nachdem die Isomatte liegt, gilt es denselben Kampf mit dem Schlafsack auszufechten. Dass diese Übung auf Toms Ultralightweightportaledges nicht ohne Verluste einhergeht, war abzusehen: zwei gebroche Portaledges.
Zur Nacht selbst lässt sich wenig sagen, da alle Teilnehmer seelenruhig in ihren warmen Schlafsäcken bis zum Morgen durchschliefen. Im Gegensatz zu den spitzen Felsen in lausigen ungeplanten Biwaks ist ein Portaledge, wenn man sich darauf erstmal eingerichtet hat, äußert komfortabel.
Die absolute Sensation ist allerdings der Morgen. Nach dem ersten skeptischen Blick in die Tiefe folgt der Blick in den Sonnenaufgang und der ist aus dieser Perspektive einfach unvergleichlich. Kaum eine andere Schlafstätte erlaubt es einem, so direkt an der Natur teilzuhaben. Als Abschluss dieser grandiosen Nacht gibt es zum Frühstück ein zünftiges Rührei, frisch zubereitet aus gefriergetrocknetem Eipulver. Insgesamt hat die Unternehmung kräftig Appetit auf mehr gemacht, wenn auch nicht auf mehr von dem Rührei …
| Der Autor: Martin Leberecht M.Sc. Forstwissenschaften und Waldökologie, Büroleiter der Münchner Baumkletterschule |
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