Praxissituation: Eine Woche Ausbildung geht schnell vorüber und lässt meist wenig Zeit, um alle wichtigen Dinge, die unmittelbar mit der Arbeit im und am Baum verbunden sind, ausführlich anzusprechen.
Während der SKT-Ausbildung wird im Zusammenhang mit der Gefährdungsbeurteilung schwerpunktmäßig auf Ausrüstung, Arbeitsgeräte, eingesetzte Personen, Gefahren am Einsatzort, Baustellenabsicherung sowie auf Notfall- und Rettungsmaßnahmen eingegangen. Die Thematik der baumbezogenen Gefahren wird hierbei integriert, wobei das Fachwissen zur Baumbiologie bzw. -statik beim (angehenden) Baumpfleger weitgehend vorausgesetzt wird.
Nach erfolgreichem Abschluss des Lehrgangs SKT-B und der somit erworbenen Fachkunde kann der Kletterer auf der Baustelle als Aufsichtsführender eingesetzt werden. Die VSG 4.2 und die GBG 1.1 der Gartenbau-Berufsgenossenschaft definieren diesbezüglich klar die inhaltliche Seite und die Rechtslage. Dadurch ist der Aufsichtsführende nicht nur für sich verantwortlich, sondern ihm obliegt u.a. auch die Sicherheitsbeurteilung von Bäumen, die durch Kollegen bearbeitet werden. Mit seiner Unterschrift auf der Gefährdungsermittlung quittiert er für die Richtigkeit der Angaben.
Die Praxis zeigt allerdings, dass gerade auf diesem Gebiet oft lückenhafte Kenntnisse vorhanden sind. So finden sich auf dem ersten und zweiten Platz der Unfallstatistik der Berufsgenossenschaft für den Zeitraum 2001 bis 2003 jeweils sechs Unfälle mit Versagen des Ankerpunktes und Versagen des Standastes. In ursäch-lichem Zusammenhang stehen hier neben falscher Seilführung bzw. Einschätzung der Belastbarkeit auch die fehlerhafte Beurteilung der Bruchsicherheit von Ästen und Kronenteilen.
Anforderungen
Für die Sicherheit ist nicht nur das Erkennen von Merkmalen bzw. Schadsymptomen am Baum entscheidend, sondern es kommt auf die Beurteilung an. Nicht jeder Zwiesel, jede Stammneigung oder jeder Unglücksbalken ist jeweils ein Sicherheitsrisiko. Ein Gefährdungspotenzial ergibt sich aber meist, wenn weitere Symptome auftreten. So ist z.B. am schrägen Stamm auf sich ablösende Rinde an der Stammoberseite, auf Rindenfalten oder Quer- bzw. Schubrisse zu achten. Darum sollte der Baumpfleger in der Lage sein, Defektsymptome im Kronen-, Stamm- und Wurzelbereich des Baumes nicht nur zu erkennen, sondern auch qualitativ und baumartenspezifisch zu beurteilen sowie mögliche Gefährdungspotenziale abzuleiten. Personen beurteilen Merkmale oft unterschiedlich, so das sich auf Grund der Subjektivität ein gewisser Spielraum bei der Interpretation der Ergebnisse ergeben kann. Je weitreichender die praktische Erfahrung und je umfangreicher die theoretischen Kenntnisse beim verantwortlichen Baumpfleger sind, umso mehr Wissen kann eingebracht werden und umso objektiver ist die Baumbeurteilung.
Beispiel für die Vorgehensweise am Baum
Bei der visuellen Baumansprache erweist sich die Gliederung des Baumes in die drei Bereiche als sinnvoll:
• Krone/Astbereich
• Stamm
• Wurzelraum/Baumumfeld
Folgende Übersicht soll zeigen, welche Informationen aus der Beurteilung wichtiger Merkmale bzw. Schadsymptome abgeleitet werden können:
| Kontrollbereich Merkmal/ Schadsymptom | ||
| Kontrollbereich | MerkmalSchadsymptom | Informationüber Gesundheitszustand |
| Krone | Vitalität, Regenerationsvermögen | Gesundheitszustand |
| Astbereich | Zwiesel, Morschung/ Höhlung, Risse, Unglücksbalken, Totholzanteil, Pilzbefall | Bruchsicherheit der Baumkrone |
| Stamm | Zwiesel, Morschung/ Höhlung, Risse, Stammneigung, Pilzbefall, Faserstauchung, Reaktionsholz, abgestorbene Rinde, Nekrosen | Gesundheitszustand Bruchsicherheit |
| Wurzelraum | Morschung/ Höhlung, Unglücksbalken, Risse, Pilzbefall, Wurzelschäden, Bodenaufwölbung, Abgrabungen | Standsicherheit |
| Baumumfeld | Bedeckung, Verschmutzung, Versiegelung, Verdichtung, Erosion, Überschüttung, Einengung, Bodenrisse, Bauarbeiten | Gesundheitszustand Standsicherheit |
| Die Informationen aus den Teilbereichen ergeben eine Gesamteinschätzung des Baumes über Gesundheitszustand, Bruch- und Standsicherheit | ||
Die Informationen aus den Teilbereichen ergeben am Ende eine Gesamteinschätzung des Baumes hinsichtlich Gesundheitszustand sowie Bruch- und Standsicherheit. Können die Defektsymptome nicht eindeutig beurteilt werden, sollte eine eingehende Untersuchung des Baumes erfolgen, mit möglichst verletzungsfrei arbeitenden Diagnosegeräten.
Durch die qualitative Beurteilung der einzelnen Merkmale lassen sich Informationen zur Verkehrssicherheit ableiten und die Parameter wie folgt z. B. abstufen:
| Gesamteinschätzung des Baumes | ||
| Gesundheitszustand | Bruch- / Standsicherheit | Verkehrssicherheit |
| Vital | Gegeben | Gegeben |
| Leicht eingeschränkt | Eingeschränkt | Eingeschränkt |
| Deutlich eingeschränkt | Kritisch | Kritisch |
| Absterbend | Unklar | Abgestorben |
Aus den Ergebnissen der Gesamteinschätzung lassen sich meistens die erforderlichen baumpflegerischen Maßnahmen ableiten. Gleichzeitig sind sie die fachliche Argumentationsgrundlage im Kundengespräch bzw. Angebot.
Die Beurteilung der Bruch- und Standsicherheit liefert Informationen zur Baumstatik und somit zur Bekletterbarkeit des Baumes. Ebenso zu möglichen Ankerpunkten, und zur baumspezifischen Anpassung von Arbeitsverfahren, z. B. Lastverteilung, und Ausrüstung.
Fazit
Der Baumansprache und Baumbeurteilung kommt auf der Kletterbaustelle eine zentrale Rolle zu. Aus der VSG 4.2 ergibt sich für den Aufsichtsführenden in Bezug auf die Gefährdungsbeurteilung eine rechtliche Verantwortung. Die Baumbeurteilung kann durch die Aufteilung in mehrere Bereiche klar strukturiert werden, wobei die Merkmale der einzelnen Teilbereiche die Grundlage für die Gesamteinschätzung des Baumes bilden. Durch Fortbildung und Erwerb theoretischer Kenntnisse in der Kombination mit der Sammlung praktischer Erfahrungen kann die qualitative Beurteilung von Merkmalen bzw. Schadsymptomen fachlich fundiert erfolgen und objektiviert werden. Der kompetente Baumpfleger muss auch schwierige Bäume sicher beurteilen können und er muss in der Lage sein, jederzeit die richtigen Arbeitsverfahren auszuwählen. Sein Fachwissen und seine Kompetenz überzeugen den Auftraggeber und selbstverständlich kann er auch eine Baustelle richtig und kostengünstig organisieren und leiten.
| Der Autor: Matthias Goede Dipl.-Ing. Forstwirtschaft; Themenschwerpunkte: Baumpflege, Baumdiagnose, Seilklettertechnik; Fa. happy tree Baumpflege |
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