An der Fassade abgeschaut

Aufstieg mit I’D und Handsteigklemme: Die Technik, die hier vorgestellt wird, ist alles andere als neu, aber die Baumkletterer haben sie nur vereinzelt benutzt. Vielleicht wird das jetzt anders. Wie für alle anderen Varianten des Aufstiegs gilt hier: Es gibt Vor- und Nachteile. Jeder Kletterer wird eine Vorliebe für bestimmte Techniken entwickeln, während er andere weniger mag. Echte Vorlieben kann man allerdings nur entwickeln, wenn man eine gewisse Palette an Alternativen kennt, die man gesehen oder besser sogar ausprobiert hat.

Im Baum wie bei der Seilzugangstechnik (SZT) im Industriebereich werden stehende Seile benutzt. Die Baumkletterer verwenden sie nur für den Aufstieg und arbeiten später mit einem anderen umlaufenden Seilsystem. Industriekletterer steigen, wenn möglich, oben ein und bewegen sich an den stehenden Seilen nach unten. Dennoch kann es aus mehreren Gründen erforderlich sein, an diesen Seilen wieder aufzusteigen. Genau hier überschneiden sich die Tätigkeitsfelder von Baum- und Industriekletterer. Deswegen ist es immer interessant, zu erfahren wie die jeweils andere Fraktion die gleiche Aufgabe löst. Man kann immer dazu lernen und eventuell die eigene Arbeit effektiver gestalten.

Der Aufstieg mit dem I’D und der Handsteigklemme ist ein ganz alter Hut in der SZT, vergleichbar mit der Footlocktechnik, die nach Einführung der SKT in Deutschland für die alten Hasen jahrelang DER Aufstieg war. Warum I’D und Handsteigklemme in der SZT Standard sind, ist ganz klar. Mit dem Gerät wird auch nach unten abgeseilt. Man kann also ohne viel Umbau und Materialaufwand mit dem Einbau der Steigklemme auf Bewegung nach oben umstellen. Aus genau diesen Gründen ist dieser Aufstieg in der SKT nicht so sehr verbreitet. Für die Arbeit im Baum wird ein anderes System benutzt. Eine Footlockschlinge kann im Baum noch andere Aufgaben erfüllen, zum Beispiel als Umlenkung oder zusätzliche Sicherung. Steigklemme und I’D müssten nun extra für den Aufstieg angeschafft und mitgeführt werden.

Was die Klemmen angeht, stimmt das nicht so ganz. Viele Kletterer, die inzwischen Handsteigklemmen am stehenden Seil einsetzen, benutzen diese auch unterstützend für längere Aufstiege am umlaufenden Klettersystem. Das I’D jedoch ist bisher für die meisten Baumkletterer ein Fremdkörper.

Der Materialaufwand hält sich bei genauerer Betrachtung in Grenzen:

• 1 I’D mit PSA Karabiner
• 1 Handsteigklemme mit PSA Karabiner
• 1 Trittschlinge mit Schraubglied

Wie geht nun der Aufstieg vonstatten? Das Aufstiegsseil wird in das I’D eingelegt. Ein Absturz durch Bedienfehler ist hier ausgeschlossen, weil Piktogramme im Gerät die Belegungsrichtung vorgeben und bei falscher Belegung eine zusätzliche Sperre das Abfahren verhindert. Anschließend wird das I’D mit einem PSA-Karabiner in die zentrale Aufhängung des Klettergurtes gehängt. Oberhalb des I’D wird die Handsteigklemme am Seil installiert und zwar so hoch, dass man sie mit der Hand noch gut erreichen kann. In die beiden oberen Löcher der Klemme wird ein geeigneter PSA-Karabiner gehängt. Das Seil, welches aus dem I’D zur Führungshand läuft, wird noch einmal im Karabiner der Handsteigklemme umgelenkt. Die Trittschlinge wird mit Hilfe des Schraubglieds unten in der Steigklemme fixiert.

Für den Aufstieg sitzt man zuerst im I’D und stellt den Fuß in die Trittschlinge. In sitzender Position sollte der Oberschenkel zum Unterschenkel etwa einen rechten Winkel bilden, wenn der Arm zur Handsteigklemme ausgestreckt ist. Anschließend wird das Bein durchgestreckt. Die Führungshand zieht dabei das aus dem Karabiner der Steigklemme kommende Seil straff nach. Dadurch bleibt das I’D nach oben gerichtet und blockiert nicht an der unten im Gerät befindlichen Sperre. Danach kann man die Handsteigklemme nach oben schieben und das Bein wieder in die angewinkelte Ausgangsposition bringen.

Aufstieg mit I’D und Handsteigklemme

Mit mehr Material kann man den Aufbau noch modifizieren. Eine kleine Rolle in der Umlenkung an der Handsteigklemme kann zum Beispiel die Reibung verringern.

Um abzusteigen wird, im I’D sitzend, das Seil aus der Umlenkung entfernt und die Handsteigklemme vom Seil genommen und am Gurt verstaut. Die rechte Hand greift das von unten einlaufende Seil, die linke Hand den Bedienhebel, mit welchem die Abseilgeschwindigkeit dosiert werden kann. Für noch mehr Kontrolle kann man den Karabiner, den man zuvor als Seilumlenkung benutzt hat, in die rechte seitliche Halteöse hängen und das einlaufende Seil durch den Karabiner führen. Das Gerät arbeitet selbstblockierend. Sobald die Bedienhand den Hebel frei gibt, stoppt das Gerät. Das I’D hat außerdem eine Paniksicherung. Zieht man zu stark, kommt es auch zur Blockierung, die man mit einer Gegenbewegung am Hebel wieder löst.

Wo liegen die Vorteile?

• Der Materialaufwand ist verhältnismäßig gering und der Aufbau überschaubar.
• Man braucht keine zusätzliche Sicherung zum I’D, wie bei der Verwendung von Einfach- oder Doppelsteigklemmen.
• Nach jeder Aufwärtsbewegung sitzt man wieder bequem im Gurt.
• Im Notfall kann man ohne jeden Um- und Ausbau von Materialien sofort mit dem I’D abseilen. Man braucht weder Abseilacht noch Sicherungsklemmknoten.

Wo liegen die Nachteile?

• Das I’D ist nur mittelmäßig handlich.
• Im Baum gibt es keine weitere Verwendung für das I’D.
• Das auslaufende Seil muss immer straff durch die Umlenkung nachgeführt werden, damit es nicht in jeder Aufwärtsbewegung an der unteren Klemmbacke hängen bleibt.

Für das I’D gibt es eine weitere Anwendung im Arbeitsbereich der Baumkletterer, die hier nur kurz beschrieben werden soll. Es handelt sich um die Sicherung bei Stammfällungen. Benutzt man ein umlaufendes Klettersystem mit einem verstellbaren Kambiumschoner, kann man im Notfall einhändig abseilen, wenn man vorher das Halteseil löst. Weil das Klettersystem, egal ob Knoten oder Gerät, eine gewisse Länge hat, braucht man entsprechend Platz zwischen Klettergurt und Kambiumschoner. Das führt dazu, dass man das Klettersystem in der Arbeitsposition nicht straff halten kann. Um tatsächlich bis zum Boden abzuseilen, braucht man ein Seil, das zweimal so lang ist wie der Weg nach unten.

In dieser Arbeitssituation kann man alternativ ein stehendes Seil würgend einbauen. Das I’D braucht wenig Platz und daher kann man die Distanz zum Klettergurt so kurz gestalten, dass man schon an der Arbeitsposition beinah oder vollständig straff im System steht. Zudem benötigt man am Einfachseil nur die halbe Seillänge. Die kann man in einem Beutel am Gurt tragen und vermeidet damit, dass das Seil ständig unter abgesägten Ästen begraben wird.

Die Aufstiegstechnik mit I’D und Handsteigklemme wird auf den SKT-A-Kursen der Münchner Baumkletterschule gelehrt. Damit können bereits Anfänger Kräfte schonend an stehenden Seilen aufsteigen und sparen Zeit, die sonst für den Einbau des Kambiumschoners verloren ginge. Der jederzeit mögliche schnelle und unkomplizierte Abstieg ist ein weiterer wichtiger Vorteil für die Neueinsteiger.

Wer mehr Vielfalt will, kann einen Aufstiegskurs bei der Münchner Baumkletterschule besuchen.

Der Autor: Gernot Räbel (E-Mail)
Inhaber der Fa. Baumpflege Räbel, Baumpflege- und Höhenarbeiten, Ausbilder der Münchner Baumkletterschule

 
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