Hubi-Lift

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Aufstieg für die Großen: Im Bericht Ganz oben – Mein Weg zur Spitze habe ich von meiner Sorge berichtet, meine Kondition könnte für Aufstiege von nahezu 100 Metern nicht ausreichen. Wenn ich mich als Inhaber der Münchner Baumkletterschule nicht blamieren wollte, musste ich Muskeln zulegen, Körpergewicht reduzieren und brauchte eine möglichst kräfteschonende Aufstiegstechnik.

Die Footlock-Technik kam nicht in Frage, weil das Seil mit dem Fuß ab 20 Meter kaum noch aufgenommen werden kann und weil die Muskeln wegen der vergleichsweise kurzen Ruhephasen bei dieser Technik schnell ermüden (Kletterblatt 2010). Außerdem war da noch das Problem mit dem Gewicht der Zusatzausrüstung, die auf den Baum mitgenommen werden musste. Ein dynamischer Bewegungsablauf durch Astwerk hindurch, mit zusätzlicher Ausrüstung von 20 Kilogramm und mehr, wie sollte das funktionieren?

Sicher, man hätte in den Arbeitsbäumen über Seilzüge den notwendigen Ballast nach oben ziehen können. Aber wer trägt schon stundenlang die dafür notwendigen 200-Meter-Seile bergauf und bergab durch unwegsames Waldgebiet? Außerdem gibt es in den uralten, knorrigen und riesigen Mammutbäumen viele Stellen, wo sich die Ausrüstung beim Heraufziehen verhaken kann. Man ist da nicht eben mal schnell hoch und runter geklettert und die Sichtweite ist in der Astzone dieser Giganten mit den gewaltigen Astdurchmessern in Stammnähe gering. Das erfahrene Forscherteam hatte eine einfache wie geniale Lösung. Dazu gleich mehr.

Hubi-Lift 1Hubert Kowalewski hatte mir in der Vorbereitungsphase nahegelegt, seine bereits vor 20 Jahren entwickelte und immer noch bevorzugte Aufstiegstechnik einzusetzen. Er demonstrierte und erklärte mir seine Technik und er sorgte auch für ein maßgeschneidertes Setup der Verbindungsmittel. Einen Namen für diese Technik hatte er nicht. Weil es eine typische Hubert-Lösung war und einen effizienten und dynamischen Bewegungsablauf ermöglichte mit Ruhepausen fast wie in einem Personen-Aufzug, habe ich der Technik den Namen Hubi-Lift gegeben.

Hubi-Lift benötigt zwei unabhängige Steigklemmen. Die obere Handsteigklemme ist mittels PSA-Schlinge am Gurt befestigt. Entscheidend ist hier die richtige Länge des Verbindungsmittels! Als untere Klemme verwendet Hubert die Basic von Petzl, in die er (elegant gelöst) eine Fußschlinge eingenäht hat. Die untere Klemme sollte unter Spannung zur Fußschlinge etwas über Kniehöhe hängen. Bei beiden Klemmen sichert ein Karabiner den Seilkanal. Das Besondere an dieser Technik sind neben der Einfachheit des Systems die große Bewegungsfreiheit und die nur kurzen Momente notwendiger aber gut verteilter Muskelarbeit. Gleichzeitig bietet diese Technik einen hohen Komfort durch ihre rhythmischen Erhol-Phasen – und das ohne Wegverlust.

Das Kletterprinzip bei frei hängendem Aufstieg: Untere Klemme nach oben ziehen bis das Bein angewinkelt ist (Fuß heben und mit Hand Klemme hochführen oder Seillift verwenden. Den zweiten Fuß auf den Fuß in der Schlinge stellen (wie beim Footlock). Die Arme sind fast gestreckt, eine Hand greift die Steigklemme im Griff, die zweite Hand greift die Steigklemme an der Rückseite. Jetzt unter Zug der Arme aufstehen, um die Muskelarbeit auf Arme und Beine zu verteilen und genau im Moment der Beinstreckung die obere Steigklemme schnell bis zur Spannung des Verbindungsmittels nach oben schieben, in den Gurt setzen, je nach Bedarf entspannen und wieder von vorne.

Hubi-Lift 2Wird man durch die Position des Ankerpunktes gegen den Baum gezogen, geht das Ganze noch leichter, weil die Bauchmuskulatur durch das Abstützen der Füße am Baum deutlich entlastet wird. Da ein Fuß frei ist, kann er ungehindert der Struktur im Baum entsprechend platziert werden und die Aufwärtsbewegung intuitiv richtig unterstützen. Wird das Aufstehen in richtiger Weise durch die Arme unterstützt, ist es besonders mit Gegendruck des zweiten Fußes am Baum kein Problem, „einbeinig“ aufzustehen.

Die Sicherheit der Hubi-Lift-Technik wird zum Beispiel ganz einfach erreicht, indem die Seilkanäle der oberen und unteren Steigklemme so gesichert werden, dass ein Herausspringen des Kletterseils ausgeschlossen wird. Bei Versagen kann so die obere Steigklemme maximal bis auf die untere Steigklemme rutschen. Allerdings sind bei dieser Konfiguration Fangstoß dämpfende Elemente an geeigneter Stelle ratsam, besonders bei Dyneemaseilen. Ein geeigneter Klemmknoten oberhalb der gesicherten oberen Steigklemme kann bei richtiger Anwendung den Fallweg deutlich verkürzen, macht das Ganze aber wieder etwas aufwändiger (xx).

Der große Vorteil gegenüber der viel praktizierten Technik mit der Klemme an der Brust besteht darin, dass man nicht nur für beide Füße komplette Bewegungsfreiheit hat, sondern durch den Wegfall der am Gurt eingehängten Bruststeigklemme auch die volle Bewegungsfreiheit des Oberkörpers behält und der Seilverlauf immer geordnet bleibt. Somit kann man sich während des Aufstiegs genauso frei bewegen wie am Doppelseil-System. Hubi-Lift ist keine Technik für Spezialanwendungen und sie ist auch nicht die schnellste, sondern sie ist eine kräfteschonende, universell einsetzbare, einfache und wenig Equipment erfordernde Aufstiegstechnik für jeden Kletterer und jeden Baum.

Zu meiner großen Überraschung und zur Freude von Hubert sahen wir bei den Baumforschern um Steve Sillett, Hubi-Lift: Technisches Konzeptleicht modifiziert, das gleiche Prinzip. Durch die besonderen Herausforderungen solch langer Aufstiege wie bei den Mammutbäumen mit einer Kombination aus Freihang, Gegendruck und Astwerkzone, hat das Team nach dem Testen diverser Aufstiegstechniken diese Methode entdeckt. Effizienz setzt sich früher oder später eben überall durch, weltweit. Für mich war Hubi-Lift genau die richtige Technik.

Und wie bringt man nun am effizientesten viel Zusatzgewicht in 100 Meter Höhe? Ganz einfach. Das Gewicht wird unter den Fuß in die Fußschlinge eingehängt. Somit wird es nicht vom Kletterer getragen, sondern hängt „gewichtsneutral“ am Seil. Der Kletterer kann frei und ohne Zusatzgewicht aus den Beinen heraus mit Unterstützung der Arme aufstehen, die Klemme hochschieben, und dann bequem im Sitzen durch kurzes Anheben des Beines mit dem Fuß das Gewicht nach oben mitnehmen. Kurz und schmerzlos! Wird der Fuß bzw. das Bein müde, wechselt man und stellt den anderen Fuß in die Schlinge. Einfach genial.

Es gäbe noch viele Einzelheiten und Feinheiten zu erzählen. Die Ausführungen decken hier bei weitem nicht alles ab, was zu sagen wäre. Am besten Ihr probiert es selbst mal aus. Bin gespannt auf Euer Aha-Erlebnis beim Testen!

Varianten der Hubi-Lift-Aufstiegstechnik
1. Redundanz
a) PSA-Schlinge von oberer Handsteigklemme zum Gurt. Seilkanal beider Seilklemmen mit Karabinern sichern.
b) Wie a), jedoch auch untere Seilklemme mit PSA-Schlinge zum Gurt verbinden.
c) PSA-Schlinge von oberer Handsteigklemme zum Gurt. Redundanz mittels Klemmknoten über der oberen Handsteigklemme (großes Detailbild).

2. Statt einer Fußschlinge
zwei Schlingen für jeden Fuß an der unteren Klemme anbringen.

3. Seilklemmenlift mit Gummiseil
Gummiseil an unterer Klemme fixieren und entweder in obere Klemme einhängen oder mit Umlenkungen über obere Klemme führen (kleine Detailbilder). Beim Hochschieben der oberen Klemme spannt sich das Gummi. Beim Anheben der Füße zieht das gespannte Gummi die untere Klemme am Seil automatisch nach oben. Sehr elegant und entspannt. Leider lässt die Elastizität des Gummis sehr schnell nach. Das kann man hinauszögern, indem man ein sehr langes, mehrfach umgelenktes Gummiseil nimmt (großes Detailbild). Das System wird außerdem durch das Gewirr an Seilchen, Umlenkungen und kleinen Karabinern unübersichtlicher und komplizierter. Deshalb habe ich am Ende doch wieder die spartanische Lösung gewählt und die untere Klemme von Hand nach oben geschoben.

 

Der Autor: Johannes Bilharz (E-Mail)
Gründer und Mitinhaber der Münchner Baumkletterschule

 
Online blättern im Kletterblatt 2011: "Hubi-Lift" Nach oben
 

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