SKT im Einsatz: Kurse für Seilklettertechnik werden nicht nur besucht, um für die fachlich richtige Baumpflege sicher auf den Baum und wieder herunter zu kommen. Es gibt auch Menschen, die wollen auf Bäume klettern und oben bleiben, um sie zu erhalten.
Julia Butterfly Hill stieg 1997 in Kalifornien auf einen tausendjährigen Redwood. Sie lebte 738 Tage auf einer Plattform in 60 m Höhe. Damit hält sie den Weltrekord im Dauer-Baumbesetzen. Die Aktion wurde weltbekannt, der Redwood und ein Teil seiner Umgebung wurden vom Kahlschlag verschont. In Europa sind die Bäume weniger hoch, die Aktionen aber nicht weniger spektakulär.
Meist sind die bedrohten Bäume aber nur Stellvertreter für einen Lebensraum, der durch ökologisch bedenkliche Projekte bedroht ist. Die Besetzungen sind daher oft auch symbolisch und Teil einer umfangreicheren Kampagne. Vom juristischen Vorgehen gegen Baugenehmigungen bis zur öffentlichkeitswirksamen Besetzung sind viele Schritte erforderlich und gehen Hand in Hand.
Im Winter 2007/2008 stand in Dresden eine 200 Jahre alte gewaltige Rotbuche den Plänen für die Waldschlösschenbrücke im Weg. Die Waldschlösschenbrücke ist umstritten, weil sie einseitig den Autoverkehr fördert und das Weltkulturerbe Elbtalaue bedroht. Die UNESCO hat Dresden den Titel inzwischen aberkannt. Dem Baum bescheinigten mehrere Gutachter einen hervorragenden Zustand und eine hohe weitere Lebenserwartung. Als Stadtbaum dieser Größe war er wertvoll, bei den Menschen der Umgebung sehr beliebt. Kurz vor seiner geplanten Fällung besetzten Aktivistinnen und Aktivisten von Robin Wood den Baum. Bei zeitweilig 10 Grad unter Null lebten sie 35 Tage auf Plattformen, nur durch Planen vor dem Wetter geschützt. Anwohner brachten Tee, Wärmflaschen und Essen im Überfluss. Nicht zuletzt wegen der weltweiten Bedeutung des Kulturerbes war das Medienecho groß. Da riefen dann auch schon mal Zeitungen aus den USA auf dem Baum in Dresden an, um ein Interview zu machen. Als der Baum in einer Januarnacht von Sondereinsatzkräften geräumt und tags darauf gefällt wurde, gingen die Bilder um die Welt.
Am Frankfurter Flughafen waren bereits bei der Auseinandersetzung um die Startbahn-West in den 1980er Jahren Wälder besetzt worden. Als im Jahr 2008 erneut 300 ha geschützter Bannwald für eine neue Landebahn gefällt werden sollten, zogen wieder Menschen in den Wald. Diesmal ging es gleich in die Höhe. Plattformen und Baumhäuser wurden errichtet. Zahlreiche Seilbrücken verbanden sie zu einem Dorf in den Baumkronen. Das Hüttendorf wurde zum Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung um die zusätzliche Landebahn. Viele Menschen kamen zum Wochenendausflug in den Wald. Manche blieben für länger. Insgesamt neun Monate war der Wald besetzt. Dass Anfang 2009 auch diese Besetzung geräumt werden würde, war zu erwarten gewesen. Baumbesetzungen sind eine gewaltfreie Aktionsform, die viel aus ihrer Symbolkraft und Öffentlichkeitswirkung gewinnt. Eine gewaltsame Verteidigung der Bäume ist nicht das Ziel. Im Gegenteil kommt es dann schon eher mal vor, dass die Aktivisten den Polizeikräften Tipps zur Sicherung im Baum geben müssen, um eine Gefährdung beider Seiten zu vermeiden.
Technisch hat sich das Aktionsklettern im Laufe vieler Jahre zu einer eigenen Disziplin entwickelt. Aus anderen Bereichen, von der Höhlenforschung bis zur Baumpflege, wurden Methoden übernommen und weiterentwickelt, wenn sie sicher und brauchbar genug waren. Der Schwerpunkt liegt auf Schnelligkeit, Flexibilität und geringem Materialeinsatz. Wo andere auf spezielle und umfangreiche Ausrüstung setzen, zählen beim Aktionsklettern die persönlichen Fertigkeiten, z.B. durch Rettungstrainings unter Verwendung minimaler Ausrüstung. Die gleichen Techniken werden auch bei anderen Aktionen, z.B. Transparente an Gebäuden oder Brücken, erfolgreich eingesetzt.
Trotz der einschränkenden Lebensweise und der umfangreichen Vor- und Nachbereitung hat das Leben im Baum viel Positives. Zum Beispiel singen die Vögel, die einen morgens wecken, nicht nur über, sondern auch unter einem. Zum Frühstück kommt das Eichhörnchen vorbei und schaut, ob es nicht Nüsse abbekommt.
Nicht nur an den beiden bislang genannten Orten waren Leute auf den Bäumen aktiv. In Lüneburg und Stuttgart gab es Aktionen für Bäume, die Verkehrsprojekten geopfert werden sollten. In der Lausitz wurde ein ganzes Dorf vom Braunkohletagebau zerstört, die Menschen gingen auf die Bäume. Noch im Frühjahr 2010 sind im Hamburger Gählerpark Bäume besetzt, die für ein neues, aber klimaschädliches Kohlekraftwerk gefällt werden sollen. Viele weitere Aktionen fanden und finden kurzfristig statt. Als Aktionsform gewinnt die Baumbesetzung immer mehr an Bedeutung.
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