{"id":6587,"date":"2016-04-08T04:30:04","date_gmt":"2016-04-08T02:30:04","guid":{"rendered":"https:\/\/baumkletterschule.de\/kletterblatt\/?p=6587"},"modified":"2016-04-04T17:18:40","modified_gmt":"2016-04-04T15:18:40","slug":"ergonomie-und-erholung-beim-baumklettern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baumkletterschule.de\/kletterblatt\/archiv\/2016\/ergonomie-und-erholung-beim-baumklettern","title":{"rendered":"Mit 50 noch klettern? <br \/>\u00dcber Ergonomie und Erholung beim Baumklettern"},"content":{"rendered":"<p><a name=\"up\"><\/a><strong>Laut einer Querschnittsstudie<sup>1<\/sup> arbeitet nur ein Sechstel der SKT-B Kletterer l\u00e4nger als 10 Jahre in diesem Beruf. 45 % f\u00fchlen sich nach der Arbeit stark bis v\u00f6llig ersch\u00f6pft. Und 44 % geben an, selten bis immer unter Knieschmerzen zu leiden. Ist das n\u00f6tig? Dass wir als kletternde Baumpfleger einen k\u00f6rperlich anspruchsvollen und fordernden Beruf gew\u00e4hlt haben, steht au\u00dfer Frage. Doch k\u00f6nnen wir unseren Berufsalltag so gestalten, dass wir unseren K\u00f6rper weniger abnutzen und dadurch l\u00e4nger unversehrt diesen sch\u00f6nen Beruf aus\u00fcben k\u00f6nnen? Immerhin sind laut obiger Studie 98 % der SKT-B Kletterer zufrieden bis sehr zufrieden mit diesem Beruf.<\/strong><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Was sind die gr\u00fcnde f\u00fcr eine \u00dcberbeanspruchung des eigenen K\u00f6rpers?<\/strong> <br \/>\nZum einen sind da die Arbeitsumst\u00e4nde. Beispielsweise bekomme ich den Arbeitszettel f\u00fcr den Tag und denke: Je schneller ich fertig bin, desto eher kann ich in den Feierabend. Oder ich glaube, irgendwem (dem Chef, den Kollegen, dem eigenen Portemonnaie) etwas beweisen zu m\u00fcssen. Und die Kollegen von der GaLa-Bau-Bude sagen vom Boden aus: \u201eDas geht schon, mach mal.\u201c Kurz: zeitlicher, wirtschaftlicher, sozialer Stress. Zum anderen ist es die konkrete Arbeitsaufgabe, die uns an unsere Grenzen bringt: Der tote Ast, der ab muss, ist einfach sehr weit drau\u00dfen, die Krone ist ausladend und nicht sehr hoch; es ist kaum Platz zum Abwerfen vorhanden und der Bodenmann muss r\u00e4umen und hat wenig Erfahrung mit Rigging; die Spitze der Pyramidenpappel, die 15 % reduziert werden soll, ist kaum zu erreichen und der Stamm rutschig &#8230; St\u00e4ndig sind wir gefordert, ans \u00c4u\u00dferste zu gehen und uns mit unbequemen Situationen zu arrangieren.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Und trotzdem gibt es Tage, an denen ich total ins Schwitzen gerate und abends nur noch hei\u00df baden kann, und andere, an denen ich nachmittags entspannt vom Baum komme und abends noch Sport treibe. Und das liegt nicht nur an dem Pensum, das ich an dem Tag abgearbeitet habe. Was macht den kleinen, aber feinen Unterschied aus? Ivonne Straub hat in Ihrem Vortrag<sup>2<\/sup> das Belastungs-Beanspruchungs-Modell vorgestellt: Arbeitsumst\u00e4nde und Arbeitsaufgabe machen die Belastung aus. Was von der Belastung als Beanspruchung des K\u00f6rpers (Ersch\u00f6pfung, Abnutzung, Schmerzen) herauskommt, h\u00e4ngt davon ab, wie wir mit der Belastung umgehen. Hier kommt die Ergonomie ins Spiel.<\/p>\n<table border=\"1\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr bgcolor=\"#0000A0\">\n<td valign=\"top\" align=\"left\" bgcolor=\"#0000A0\"><font color=\"#FFFFFF\"><strong>Ergonomie<\/strong><\/font><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" align=\"left\" bgcolor=\"#FFFFFF\">Wissenschaft von den Leistungsm\u00f6glichkeiten und -grenzen des arbeitenden Menschen sowie von der optimalen wechselseitigen Anpassung zwischen dem Menschen und seinen Arbeitsbedingungen <br \/>\n<em>Duden<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Im B\u00fcro ist es in der Verantwortung des Arbeitgebers, die ergonomische Einrichtung des Arbeitsplatzes zu gew\u00e4hrleisten. Sitzh\u00f6he, Winkel, Abst\u00e4nde werden einmal eingerichtet und die Arbeit kann losgehen. Als Kletterer m\u00fcssen wir uns den Arbeitsplatz bzw. uns dem Arbeitsplatz st\u00e4ndig selber anpassen. Dabei sind wir in der Verantwortung, f\u00fcr uns und unseren K\u00f6rper selber zu sorgen. So \u00e4hnlich wie Ivonne Straub die Belastung in Arbeitsumst\u00e4nde und Arbeitsaufgabe unterteilt, so unterteile ich die Ergonomie in der SKT in Soft Skills und Hard Skills. Die Soft Skills betreffen unseren Umgang mit der Situation auf der Baustelle und mit unserem K\u00f6rper im Allgemeinen. Die Hard Skills betreffen den praktischen Einsatz unseres K\u00f6rpers in konkreten Situationen im Baum.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Hard Skills<\/strong> <br \/>\n<strong>Schwachstellen Gelenke und Wirbels\u00e4ule:<\/strong> Die Stellen des K\u00f6rpers, an denen sich typischerweise eine \u00dcberbeanspruchung in Form von Langzeit-Sch\u00e4den zeigt, sind Knie, Schultern, Ellenbogen, Handgelenke und die Wirbels\u00e4ule (insbesondere Halswirbel und unterer R\u00fccken). Warum ist das so? Die Gelenke (die Wirbels\u00e4ule besteht aus einer Vielzahl von Gelenken) sind die komplexesten und sensibelsten Stellen unseres Bewegungsapparates, bei denen schon eine kleine Unstimmigkeit zu gro\u00dfem Funktionsverlust oder Schmerz f\u00fchren kann. Deshalb ist es neben der Minimierung der allgemeinen Beanspruchung besonders wichtig, auf die Schonung der Gelenke zu achten.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/baumkletterschule.de\/kletterblatt\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/KB16-09_Ergonomie-Erholung-Baumklettern-01.jpg\" alt=\"KB16-09: Ergonomie und Erholung beim Baumklettern, Abbildung 1\" class=\"alignleft\" \/>Jedes Gelenk hat einen bestimmten vorgesehenen Bewegungsradius (<em>Abb. 1<\/em>) und in diesem Radius gibt es neutrale Positionen (gr\u00fcn) und erzwungene \/ extreme Positionen (rot). Belastungen des Gelenkes sollten m\u00f6glichst in der neutralen Position geschehen. Dauerhafte und wiederholte Belastungen des Gelenkes in Extrempositionen f\u00fchren zu Langzeitsch\u00e4digungen, ebenso starke Vibration, Ruck- und Sto\u00dfbelastungen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Die Kunst der Bewegung<\/strong> ist es, nur die notwendigen Muskeln anzuspannen und alle anderen entspannt zu halten. Angst, Stress, unsicherer Stand f\u00fchren dazu, dass wir viel mehr Muskeln als n\u00f6tig anspannen. Dadurch wird der K\u00f6rper hart. Wenn der K\u00f6rper weich und durchl\u00e4ssig ist, werden Vibrationen und St\u00f6\u00dfe abgefedert. Gut ist es auch, die Belastung auf viele K\u00f6rperteile gleichzeitig zu verteilen und Spitzenbelastungen in neutralen Gelenkstellungen auszuf\u00fchren. Schauen wir uns einige Bewegungsabl\u00e4ufe im Baum genauer an:<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/baumkletterschule.de\/kletterblatt\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/KB16-09_Ergonomie-Erholung-Baumklettern-02.jpg\" alt=\"KB16-09: Ergonomie und Erholung beim Baumklettern, Abbildung 2\" class=\"alignright\" \/><strong>Aufstieg:<\/strong> Der Aufstieg am stehenden Seil hat sich in den letzten Jahren extrem weiterentwickelt. Dabei gibt es eine klare Richtung: Die neuen Techniken profitieren davon, dass der K\u00f6rper gleichseitig und ganzheitlich belastet wird. Beim Treppenaufstieg arbeiten sowohl Schultern als auch Knie haupts\u00e4chlich im neutralen Bewegungsradius, w\u00e4hrend der K\u00f6rper beim Footlocken von einem Extrem ins andere pendelt, mit Belastung der Extremit\u00e4ten in erzwungenen Positionen (<em>Abb. 2<\/em>).<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Ein Kollege von mir klagte \u00fcber Sehnenscheidenentz\u00fcndung und konnte deshalb nicht arbeiten: ein notorischer Footlocker. Darauf angesprochen gab er sogar zu, dass es wohl daran l\u00e4ge. Ein anderes typisches Footlocker-Syndrom sind Knieschmerzen, verursacht durch die doppelte Belastung der Knie in einer k\u00fcnstlich verdrehten Stellung: Erstens Seil einklemmen, zweitens K\u00f6rpergewicht hoch dr\u00fccken.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Bewegung in der Baumkrone:<\/strong> Ein gro\u00dfer Teil unserer Arbeit besteht darin, von einem Ort in der Baumkrone zum anderen zu gelangen. Dabei benutzen wir zwei Systeme: Seile und \u00c4ste. Solange der Baum es erlaubt, ist es meist ergonomischer, direkt an ihm zu klettern. Wann immer ein Ast zur Verf\u00fcgung steht, auf den ich steigen kann oder an dem ich mich festhalten kann, nutze ich ihn. Mich am Systemseil hochzuziehen beinhaltet: feinmotorisches Greifen unter Last, Belastung der Arme unter erzwungener Haltung der Schultern. Auf einen Ast zu steigen, benutzt die Beinmuskeln, die wesentlich gr\u00f6\u00dfer, und daf\u00fcr gemacht sind, unser gesamtes K\u00f6rpergewicht zu tragen. Einen Ast zu greifen ,l\u00e4sst das Handgelenk meist in neutraler Position. Au\u00dferdem bedeutet die Dynamik des Seils bei jedem Schritt einen Kraftverlust.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Lieber h\u00f6her steigen, als weiter greifen. Was beim Felsklettern gilt, gilt auch bei uns: anstatt mit weit ausgestreckten Armen nach einem Ast oder dem Seil zu greifen, sollte der Blick lieber nach unten gehen und den n\u00e4chsten Tritt f\u00fcr den Fu\u00df suchen, damit wir mit dem ganzen K\u00f6rper aufsteigen k\u00f6nnen und daf\u00fcr die gro\u00dfen Oberschenkelmuskeln nutzen, anstatt Arme und Schultern \u00fcberzustrapazieren.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Auch ein sauberer und reibungsfreier Seilverlauf mit m\u00f6glichst engem Seilwinkel ist hilfreich. Das f\u00e4ngt schon bei der Wahl des Ankerpunktes an. Auch wenn ich nur im unteren Kronenbereich arbeiten muss, ankere ich immer so hoch wie m\u00f6glich. Im Zweifelsfall muss ich doch noch einmal weiter raus oder h\u00f6her als vorher gedacht, und spare so viel Kraft mit g\u00fcnstigen Seilwinkeln. Auch Tricks wie das Vorlegen des Seils, System \u00fcber eine Astgabel ziehen, V-Rig basteln oder einfach einmal kurzsichern und Klettersystem um einen Ast legen, anstatt dar\u00fcber zu steigen, erleichtern die Arbeit enorm. Jeder Meter Auf- und Abstieg kostet Kraft, die mir woanders fehlt. Deshalb verwende ich lieber etwas mehr Zeit mit der Seiltechnik, als im Weg stehende \u00c4ste mit Kraft zu umschiffen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/baumkletterschule.de\/kletterblatt\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/KB16-09_Ergonomie-Erholung-Baumklettern-03.jpg\" alt=\"KB16-09: Ergonomie und Erholung beim Baumklettern, Abbildung 3\" class=\"alignleft\" \/>Weiterhin achte ich darauf, auf welcher Seite des K\u00f6rpers mein Seil verl\u00e4uft. Wer kennt das nicht, dass das Seil einen nach schr\u00e4g hinten vom Ast wegzieht? In so einem Fall drehe ich mich einmal um 180\u2013270 Grad. Oder ich lockere das System und ziehe es \u00fcber meinen Kopf. Danach kann ich mich ganz entspannt auf der anderen Seite des Astes ins Seil lehnen und den Ast mit meinen F\u00fc\u00dfen weg dr\u00fccken. Besonders kraftraubend kann das Besteigen eines weit ausladenden St\u00e4mmlings oder Astes sein. Das liegt oft daran, dass wir uns durch Unsicherheit innerlich anspannen oder durch \u00fcbertriebene Vorsichtsma\u00dfnahmen (Festklammern, 2. Kurzsicherung) in der Bewegungsfreiheit einschr\u00e4nken. Hier hilft gezieltes Balancetraining (z. B.: Slackline, Yoga, Kampfkunst) und Vertrauen in die eigene Einsch\u00e4tzung der Tragf\u00e4higkeit der beiden Systeme Baum und Seil. Auch folgende Technik hilft. Wenn es tangential zum Seil schr\u00e4g nach oben raus geht, nutze ich den seitlichen Catwalk: den K\u00f6rper parallel zum St\u00e4mmling, das Seil so eingestellt, dass es mich seitlich neben dem St\u00e4mmling h\u00e4lt. Drei Gliedma\u00dfen am Baum, eins wechselnd zwischen Baum und System, pirsche ich so den Baum hinauf wie eine Katze (<em>Abb. 3<\/em>).<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/baumkletterschule.de\/kletterblatt\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/KB16-09_Ergonomie-Erholung-Baumklettern-04.jpg\" alt=\"KB16-09: Ergonomie und Erholung beim Baumklettern, Abbildung 4\" class=\"alignright\" \/>Generell gilt: Kopf hoch, F\u00fc\u00dfe am Baum, Gewicht zwischen Seil und Baum ausbalancieren, Arme frei f\u00fcr Klettersystem und Balance. Und wenn Du Dich mit den Armen kurz halten musst, dann m\u00f6glichst mit entspannter Schulter und langem Arm. Oder mit dem ganzen Unterarm um den Baum, anstatt mit der Hand am Baum und angezogenem Ellenbogen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Positionierung am Arbeitsplatz:<\/strong> Jede Muskelanspannung verbraucht Sauerstoff. Und wir haben nur eine begrenzte Menge davon im Blut. Wenn ich also f\u00fcr meine eigene Positionierung schon viel statische Haltearbeit leisten muss, so habe ich nicht viel Puste f\u00fcr das S\u00e4gen (und ggf. Ast halten und abwerfen) \u00fcbrig. Bevor ich zur S\u00e4ge greife, achte ich darauf, dass ich entspannt stehe und beide Arme frei habe. Dabei gilt:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/baumkletterschule.de\/kletterblatt\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/KB16-09_Ergonomie-Erholung-Baumklettern-05.jpg\" alt=\"KB16-09: Ergonomie und Erholung beim Baumklettern, Abbildung 5\" class=\"alignleft\" \/><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u2022 Lieber mit dem gesamten K\u00f6rper etwas h\u00f6her hinaus, als mich extrem strecken zu m\u00fcssen. <br \/>\n\u2022 Die Kurzsicherung au\u00dferhalb des eigenen K\u00f6rpers anbringen, so dass sie gegen die Zugrichtung des Klettersystems zieht und ich mich im Zugdreieck entspannen kann. <br \/>\n\u2022 Am besten frontal zum Schnitt stehen, damit die Wirbels\u00e4ule gerade belastet wird. Belastungen der Wirbels\u00e4ule mit gedrehtem Oberk\u00f6rper wirken n\u00e4mlich einseitig auf die Wirbelgelenke und vergr\u00f6\u00dfern das Risiko von Verletzung und Abnutzung. <br \/>\n\u2022 F\u00fcr Arbeitsfreiheit am Boden sorgen (Achtung-Ruf, beidseitige Kommunikation), damit es z\u00fcgig zur Sache gehen kann (<em>Abb. 4 und 5<\/em>).<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Hands\u00e4gen:<\/strong> Wenn ich mich entsprechend positioniert habe, kann ich die S\u00e4ge entspannt \u2013 ggf. mit beiden H\u00e4nden \u2013 halten. Das hei\u00dft: Die H\u00e4nde greifen, die Handgelenke sind entspannt in Neutralposition. Und dann nutze ich die Dynamik des gesamten Armes inkl. der Schulter zum S\u00e4gen. Wenn ich die Schulter anspanne, z. B. weil sie den Arm hoch \u00fcber meinem Kopf halten muss, dann kommt alle S\u00e4gekraft aus den Armmuskeln, wobei der Ellenbogen \u00fcberlastet wird. Oder die Schulter wird mit dem Halten des Armes und dem S\u00e4gen doppelt belastet (arbeiten au\u00dferhalb der Greifzone), was wiederum stark auf das Schultergelenk geht.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Motors\u00e4gen:<\/strong> Auch beim Halten der Motors\u00e4ge achte ich auf einen festen Griff mit der Hand, wobei ich die Handgelenke entspannt in Neutralposition halte. Ist die S\u00e4ge einmal im Schnitt, lasse ich sie sich selber ins Holz fressen (geht nur bei scharfer Kette mit korrekt herunter gesetzten Tiefenbegrenzern). Wenn ich dr\u00fccke und schiebe kommen die Vibrationsd\u00e4mpfer an den Anschlag und mehr Vibration als n\u00f6tig \u00fcbertr\u00e4gt sich in meinen K\u00f6rper. Und wenn ich dabei auch noch meine Handgelenke, Ellenbogen und Schultern anspanne, wirkt sich die Vibration wiederum st\u00e4rker auf die Gelenke aus.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Umgang mit \u00c4sten:<\/strong> Fallenlassen ist ergonomischer als halten. Wenn wir nicht fallenlassen k\u00f6nnen, insbesondere bei Abtragungen oder gro\u00dfen Reduktionen, ist es wichtig, sich vom Boden aus helfen zu lassen. Wenn ich viele kleine St\u00fccke schneide, die ich mit der Hand abwerfe, halte ich im Laufe der Abtragung das Gewicht des gesamten Baumes in der Hand. Au\u00dferdem habe ich immer nur eine Hand frei zum S\u00e4gen (Hands\u00e4ge) bzw. muss viele Schnitte mit Stufenschnitt machen (Motors\u00e4ge). Wenn ich stattdessen \u00c4ste abseile oder mit einer Materialschlinge zwischensichere, muss ich sie nicht halten und kann mich ganz auf das F\u00fchren der S\u00e4ge konzentrieren. Und ich vermeide die Ruckbelastung des Handgelenks und des Armes, die die fallende Last aus\u00fcbt. Auch lasse ich mir wenn m\u00f6glich die Motors\u00e4ge vom Boden aus hochziehen. Je mehr Arbeit ich an die Bodencrew abgeben kann, desto weniger beanspruche ich meinen K\u00f6rper.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Werkzeug:<\/strong> Ich achte immer darauf, dass alle S\u00e4gen scharf und in Schuss sind. Ich nehme immer nur die gr\u00f6\u00dftn\u00f6tigste Motors\u00e4ge und das kleinstm\u00f6gliche Riggingseil.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Zusammenfassung:<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u2022 Beim Aufstieg ist auf eine m\u00f6glichst entspannte und ergonomische Technik zu achten.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u2022 Bei der Bewegung in der Baumkrone sind m\u00f6glichst viel die Beine zu benutzen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u2022 Bei der Positionierung am Arbeitsplatz lieber etwas h\u00f6her steigen und beide Arme frei halten.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u2022 Beim Hands\u00e4gen auf die Haltung der Handgelenke und Schultern achten und die Dynamik mit dem gesamten Oberk\u00f6rper erzeugen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u2022 Beim Motors\u00e4gen die Maschine f\u00fcr sich arbeiten lassen, anstatt zu schieben und zu dr\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u2022 \u00c4ste lieber abseilen als halten.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Soft Skills<\/strong> <br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/baumkletterschule.de\/kletterblatt\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/KB16-09_Ergonomie-Erholung-Baumklettern-06.jpg\" alt=\"KB16-09: Ergonomie und Erholung beim Baumklettern, Abbildung 6\" class=\"alignright\" \/>Die eigenen Grenzen einhalten: Seile und Hardware haben eine Arbeitslast (Working Load Limit) und eine Bruchlast (Minimum Breaking Load). Wenn ich das Material \u00f6fter im Bereich der Bruchlast belaste, so zeigt es Erm\u00fcdungserscheinungen und die Bruchlast verringert sich. Wenn ich es jedoch stets nur mit der Arbeitslast belaste, so kann ich es langfristig ohne Risiko benutzen. Genauso ist es mit dem menschlichen K\u00f6rper. Wenn ich mich st\u00e4ndig an meine Belastungsgrenze bringe, so zeigen sich Erm\u00fcdungserscheinungen, die fr\u00fcher oder sp\u00e4ter unweigerlich zum Versagen f\u00fchren. Das kann sich in kurzfristigen Verletzungen oder in Langzeitsch\u00e4den \u00e4u\u00dfern. Deshalb ist es wichtig, seine eigene Arbeitslast zu kennen und einzuhalten.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/baumkletterschule.de\/kletterblatt\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/KB16-09_Ergonomie-Erholung-Baumklettern-07.jpg\" alt=\"KB16-09: Ergonomie und Erholung beim Baumklettern, Abbildung 7\" class=\"alignleft\" \/>In der Ruhe liegt die Kraft: Zum Gl\u00fcck ist der menschliche K\u00f6rper ein regeneratives System, das bei entsprechenden Erholungspausen sogar seine Arbeitslast erh\u00f6hen kann. Dies zeigt die Leistungskurve in Abb. 6.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Mit der Belastung sinkt die Leistungsf\u00e4higkeit. In der Pause steigt sie wieder. Ist die Pause lang genug, steigt sie sogar kurzzeitig \u00fcber das Ausgangsniveau (Superkompensation). Dies ist der ideale Zeitpunkt f\u00fcr erneute Belastung, wenn unser K\u00f6rper nach und nach leistungsf\u00e4higer werden soll (<em>Abb. 7<\/em>).<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/baumkletterschule.de\/kletterblatt\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/KB16-09_Ergonomie-Erholung-Baumklettern-08.jpg\" alt=\"KB16-09: Ergonomie und Erholung beim Baumklettern, Abbildung 8\" class=\"alignright\" \/>Belasten wir dagegen unseren K\u00f6rper zu fr\u00fch, so sinkt das Leistungsniveau nach und nach ab (<em>siehe Abb. 8<\/em>).<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Im Leistungssport gelten zwei bis drei Tage als durchschnittlich geeignete Pausenzeit zwischen Extrembelastungen. Da wir in der Baumpflege eher ein bis zwei Tage Pause zwischen mehreren Tagen Arbeit haben, ist klar, dass wir uns ganz schnell auspowern, wenn wir bei der Arbeit Vollgas geben. Bei mir in der Firma ist z. B. der Mittwoch Werkstatt- und B\u00fcrotag. So folgt sp\u00e4testens nach zwei Tagen Kletterarbeit ein Ruhetag.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Einen k\u00fchlen Kopf bewahren: Je angestrengter ich bin, desto leichter verliere ich den \u00dcberblick und vert\u00fcdel mich in Kleinkram. Auch das kostet Kraft. Wenn ich mir immer die Zeit nehme, mich perfekt zu positionieren, die richtigen Schnittstellen zu w\u00e4hlen und auf den Gesamtfluss des Arbeitsablaufes zu achten, bin ich entspannter und mach mir weniger Arbeit.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Planen:<\/strong> Es ist oft gut, die eigenen Routen und Vorgehensweisen im Baum vorauszuplanen. Aber immer nur insoweit, wie der Plan mich in meinem jetzigen Handeln lenkt. Sobald ich einen Arbeitsschritt erledigt habe oder mich an einer anderen Position im Baum befinde, sieht die Welt schon wieder anders aus und der alte Plan darf hinf\u00e4llig sein. Es kann extrem kraftsparend sein, flexibel im Kopf zu bleiben und alte Pl\u00e4ne fallen zu lassen. Bei komplexen Abtragungen macht es oft Sinn, den Anschlagpunkt f\u00fcrs Riggingseil und den eigenen Ankerpunkt im Laufe des Arbeitsprozesses mehrfach umzubauen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Kleidung:<\/strong> Da wir oft bei kalten Temperaturen und hoher, tropfenf\u00f6rmiger Luftfeuchtigkeit drau\u00dfen arbeiten, ist es um so wichtiger, dass wir auf geeignete Kleidung achten. Denn ein kalter K\u00f6rper verletzt sich schneller als ein warmer. Und wenn wir frieren, verbrauchen wir mehr Energie und haben weniger Reserven bis zur Breaking Load. Ein paar trockene Handschuhe f\u00fcr nach der Pause k\u00f6nnen da schon den kleinen, aber feinen Unterschied machen. Auch sollte die Kleidung uns gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Bewegungsfreiheit erlauben und m\u00f6glichst leicht sein. Und das altbew\u00e4hrte Zwiebelprinzip ist unabdingbar. Meine Kollegen scherzen schon, wenn es bei mir kurz nach dem Aufstieg hei\u00dft: \u201eAchtung, Stoff!\u201c und die n\u00e4chste Schicht f\u00e4llt.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Nur nicht sauer werden:<\/strong> Extreme Anstrengung l\u00e4sst den pH-Wert des Blutes sinken, wir \u00fcbers\u00e4uern. Mit der \u00dcbers\u00e4uerung sinkt die Leistungsf\u00e4higkeit und steigt die Regenerationszeit. Die beste Art, dem entgegenzuwirken, ist die Ern\u00e4hrung. Kaffee, Zucker, Fleisch und Wei\u00dfmehl helfen da leider gar nicht. Auch Zigaretten und Feierabendbiere versauern die Bilanz. Affen hingegen ern\u00e4hren sich vor allem von frischen Fr\u00fcchten, gr\u00fcnen Bl\u00e4ttern, N\u00fcssen, Samen und Pilzen. Mit Ausnahme der N\u00fcsse alles basenbildende Lebensmittel. Ich pers\u00f6nlich trinke jeden Morgen einen gro\u00dfen gr\u00fcnen Smoothie und liebe Rohkost-Salat.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Dem K\u00f6rper danken:<\/strong> Mein K\u00f6rper ist meine Ressource. Daf\u00fcr bin ich ihm dankbar und belohne ihn mit geeignetem Ausgleich zur Arbeit. \u00dcber den Arbeitstag sammle ich viele Spannungen in den Muskeln, die nicht einfach vom Nichts-Tun weggehen. Ich muss die Muskeln aktiv entspannen (z. B. Massage, Sauna) und dehnen (z. B. Yoga). Meine pers\u00f6nlich effektivste Art, die gesammelten Spannungen loszuwerden, ist zu tanzen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Faul sein:<\/strong> Als Kletterer bin ich so faul wie m\u00f6glich. Ich lasse mir vom Boden aus helfen, wo es nur geht. Ich ankere so hoch es geht, damit ich die kleinsten Seilwinkel habe. Bei mehrst\u00e4mmigen B\u00e4umen ankere ich gerne um. Ich lege mein Seilende in einen zweiten Kanal vor, damit ich es mir nach Abarbeiten des ersten Kanals r\u00fcberziehen kann. Anstatt \u00fcber eine Astgabel zu steigen, sichere ich mich zwischen und lege mein System dar\u00fcber. Anstatt mich lang zu strecken, steige ich lieber einen Ast h\u00f6her und habe die Schnittstelle in bequemer Arbeitsposition vor mir. Ich benutze nur scharfe und geeignete S\u00e4gen. Ich halte mein Klettermaterial in Schuss, probiere aus, was sich f\u00fcr mich am leichtesten bedienen l\u00e4sst. Statt: \u201eGeht schon, passt schon!\u201c hei\u00dft es bei mir: \u201eSo geht es am elegantesten, so passt es bequem!\u201c<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Fazit<\/strong> <br \/>\nViele Langzeitsch\u00e4den h\u00e4ngen nicht nur von der konkreten Fehlbenutzung der betroffenen Gelenke ab, sondern von \u00dcberanstrengung und Dauerstress im allgemeinen. Um langfristig den sch\u00f6nen Beruf des kletternden Baumpflegers aus\u00fcben zu k\u00f6nnen, ist es wichtig auf sich und seinen K\u00f6rper zu achten: Einerseits durch ergonomische Bewegungsabl\u00e4ufe, K\u00f6rperhaltung und Gelenkstellungen im Baum, andererseits durch gen\u00fcgend Erholungsphasen und bewusste Unterst\u00fctzung der Regeneration.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><em><sup>1<\/sup> Diplomarbeit Petra B\u00f6deker: Eine Querschnittsstudie zu Beanspruchung und Ressourcen bei k\u00f6rperlich schwerer Arbeit \u2013 Am Beispiel der Anwender der Seilklettertechnik Stufe B. Hochschule f\u00fcr Angewandte Wissenschaften Hamburg <br \/>\n<sup>2<\/sup> Ivonne Straub, SUVA: \u201eMensch oder Maschine \u2013 \u00dcber Belastung und Beanspruchung des menschlichen K\u00f6rpers\u201c. Vortrag Kletterforum, Deutsche Baumpflegetage 2015 in Augsburg<\/em><\/p>\n<table border=\"1\" bgcolor=\"#E1E1E1\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>Der Autor: <strong>Jakob von Recklinghausen<\/strong> (<a href=\"mailto:mail@baumliebe.de\">E-Mail<\/a>)<br \/>\nEuropean Tree Worker, Ostdeutscher Vize-Meister im Baumklettern 2015, SKT-Ausbilder bei der BaumZeit!-Akademie, Inhaber der <a href=\"http:\/\/www.baumliebe.de\" target=\"_blank\" title=\"Baumliebe GmbH\">Baumliebe GmbH<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<br \/>\n<a title=\"Online bl\u00e4ttern im Kletterblatt 2016: &quot;\u00dcber Ergonomie und Erholung beim Baumklettern&quot;\" href=\"..\/..\/blaettermagazin\/ausgabe-2016\/#80\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2908 alignleft\" title=\"Online bl\u00e4ttern im Kletterblatt 2016: &quot;\u00dcber Ergonomie und Erholung beim Baumklettern&quot;\" alt=\"Online bl\u00e4ttern im Kletterblatt 2016: &quot;\u00dcber Ergonomie und Erholung beim Baumklettern&quot;\" src=\"https:\/\/baumkletterschule.de\/kletterblatt\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/buttons_onlinblaettern.png\" width=\"120\" height=\"30\" \/><\/a> <a href=\"#up\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-2909 alignleft\" alt=\"Nach oben\" src=\"https:\/\/baumkletterschule.de\/kletterblatt\/wp-content\/uploads\/2004\/04\/but_top.png\" width=\"120\" height=\"30\" \/><\/a><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laut einer Querschnittsstudie1 arbeitet nur ein Sechstel der SKT-B Kletterer l\u00e4nger als 10 Jahre in diesem Beruf. 45 % f\u00fchlen sich nach der Arbeit stark bis v\u00f6llig ersch\u00f6pft. 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