{"id":5880,"date":"2014-04-30T12:20:33","date_gmt":"2014-04-30T10:20:33","guid":{"rendered":"https:\/\/baumkletterschule.de\/kletterblatt\/?p=5880"},"modified":"2014-05-05T13:34:56","modified_gmt":"2014-05-05T11:34:56","slug":"seilunterstuetzte-baumpflege-ja-und","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/baumkletterschule.de\/kletterblatt\/archiv\/2014\/seilunterstuetzte-baumpflege-ja-und","title":{"rendered":"Seilunterst\u00fctzte Baumpflege \u2013 ja und?"},"content":{"rendered":"<p><a name=\"up\"><\/a><strong>&#8230; in Saudi Arabien! Wer Saudi-Arabien h\u00f6rt, denkt nicht sogleich an Baumpflege. Deshalb war Tom Eckert auch etwas verwundert, als Florian Cantner ihn fragte, ob er mit ihm in Saudi-Arabien B\u00e4ume pflegen wolle. Ein Bericht von Tom Eckert.<\/strong><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Saudi-Arabien hat die gr\u00f6\u00dfte Sandw\u00fcste der Welt und die weltweit gr\u00f6\u00dften Erd\u00f6lreserven. Aufgrund seiner Bodensch\u00e4tze ist es ein unermesslich reiches Land. Im Sommer sind Maximalwerte bis 550\u00b0 C m\u00f6glich, im Winter ca. 250\u00b0 C. Also eigentlich nicht schlecht zum \u00dcberwintern. Aber Saudi-Arabien, \u201edas Mutterland des Islam\u201c, ist auch ein Land, das von einer absoluten Monarchie regiert wird und in dem das ganze Leben nach den streng-konservativen islamischen Regeln des Wahhabismus geregelt ist. F\u00fcnfmal am Tag ist Gebetszeit, in der f\u00fcr 40 Minuten das \u00f6ffentliche Leben stillsteht. Es ist ein Land, wo nach wie vor Hinrichtungen mit dem Schwert in aller \u00d6ffentlichkeit praktiziert werden. Ein Land, wo jede Art von Vergn\u00fcgen nach unseren Vorstellungen \u2013 wie Musik, Theater, Partys, Kino, Alkohol oder Bars \u2013 verboten ist. Ein Land, in dem Frauen verschleiert leben m\u00fcssen und nicht Auto fahren d\u00fcrfen. Das komplette, \u00f6ffentliche Leben wird \u2013  wie z. B. in Restaurants \u2013 in zwei r\u00e4umlich getrennte Bereiche geteilt: Single-M\u00e4nner und Family Sections.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Florian Cantner<\/strong>, mein Baumpflege- und Ausbilderkollege, und ich erwarteten ungewohnte Dinge. Aber wie es letztendlich kommen sollte, \u00fcbertraf alle unsere Vorahnungen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Zun\u00e4chst einmal mussten viele Dinge vorab gekl\u00e4rt werden. Die ArRiad Development Authority (ADA) in der Hauptstadt Riad ist zust\u00e4ndig f\u00fcr viele \u00f6ffentliche Parks, Stra\u00dfen, f\u00fcr das Verkehrswesen und unter anderem auch f\u00fcr das 400 Hektar gro\u00dfe Diplomatic Quarter. Dort, in den k\u00fcnstlich angelegten Parks und Gr\u00fcnanlagen rund um die Botschaften aller Welt, sollte unser Haupteinsatzgebiet sein. Geplant war Oktober-November 2013 und Januar-Februar 2014. Viele E-Mails gingen hin und her, doch immer wieder fehlten f\u00fcr den Visumantrag wichtige Dokumente. Als endlich mein Reisepass mit Visum per Express aus Berlin zugestellt wurde, gab es erst einmal einen Schreck. Im Visum war fett zu lesen \u201eNot permitted to work\u201c und \u201eg\u00fcltig f\u00fcr 30 Tage\u201c. Wie sollten wir mit solchen Visa vier Monate in Saudi-Arabien arbeiten? Am Telefon erkl\u00e4rte man uns, so sei das normal. Ah?? \u2013 Okay!?!<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Es stellte sich heraus, dass man in der Tat nur 30 Tage im Land bleiben durfte. Also, musste man alle 30 Tage schnell mal 1.000 Kilometer hin und zur\u00fcck durch die W\u00fcste in das Nachbarland Bahrain fahren. An der Grenze ein U-Turn und wieder zur\u00fcck. Naja, die Spritkosten waren das geringste Problem bei circa acht Eurocent pro Liter \u2013 und der Weg auch ganz einfach: am Hotel links auf den Highway, und nach sechs Stunden war man in Bahrain. Die fehlende Arbeitserlaubnis war auch kein Problem, weil wir durch unseren Auftrag-geber, die ADA, direkt f\u00fcr die Regierung arbeiteten.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Mit unserer Ausr\u00fcstung waren wir in Riad angekommen.<\/strong> Bislang bestand das Team vor Ort in Riad aus Landschaftsarchitekten, Landschaftsg\u00e4rtnern und Technikern, die im B\u00fcro sa\u00dfen oder als Supervisor Arbeitergruppen, meist aus Bangladesh, Indien und den Philippinen, beaufsichtigten B\u00fcro sa\u00dfen oder als Supervisor Arbeitergruppen, meist aus Bangladesh, Indien und den Philippinen, beaufsichtigten ein Team von Baumkletterern in das Land eingeflogen, nachdem ein Kollege von uns, <strong>Sebastian Graetz<\/strong>, dort das erste Mal Anfang 2013 Baumklettern zur Sprache gebracht und gezeigt hatte, was mit Seilklettertechnik m\u00f6glich ist. Wir sollten als kleines Team zusammen mit zwei Bodenm\u00e4nnern die bisherige Baumpflege unterst\u00fctzen \u2013 diese wurde vorher nur mit Stangens\u00e4gen und Leitern ausgef\u00fchrt.Der Baumbestand setzt sich zusammen aus vielen Akazien-Sorten mit ziemlich fiesen Dornen, die manch einen Aufstieg wie durch eine Rolle Stacheldraht erscheinen lie\u00dfen. Dazu kommen Albizzien, Eukalyptus, Ficus und Flametrees. Die Hauptaufgaben waren Kronenpflege und Lichtraumprofilschnitt, garniert von kleineren F\u00e4llungen oder einer Eink\u00fcrzung.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Unser Hotel lag in der Sechs-Millionen-Stadt Riad. T\u00e4glich musste man sich durch den chaotischen Verkehr bis zu den Einlasskontrollen zum Diplomatic Quarter am Westrand der Stadt durchw\u00fchlen, wo je nach Lust und Laune der Sicherheitskr\u00e4fte kontrolliert oder durchgewunken wurde. Denen war nicht immer leicht zu vermitteln, was wir mit einem Haufen Seile und Motors\u00e4ge im Botschaftsviertel vorhatten. Wir versuchten, eine Regelm\u00e4\u00dfigkeit oder Abfolge bei den Kontrollen zu ermitteln mit einigen Selbstversuchen, wie mit Sonnenbrille, Sonnenkappe, auf Englisch, auf Arabisch, Radio an oder aus oder eben linke oder rechte Einfahrt. Die einzige Regelm\u00e4\u00dfigkeit, die wir entdecken konnten, war, dass die Jungs morgens eher kontrollierten. Aber ab mittags in der Hitze wurde durchgewunken und man blieb lieber nahe bei der Klimaanlage stehen. Einmal drinnen im DQ, war es etwas geordneter und nur Saudi-Arabien \u201elight\u201d.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Der chaotische Verkehr, bei dem zum wichtigsten Ausr\u00fcstungsgegenstand eine funktionierende Hupe geh\u00f6rt, hatte einen erheblichen Vorteil. Da man sich ja nicht gut auskannte und \u00f6fter mal auf der falschen Spur landete, machte es auch nichts, sich einfach von rechts durch alle vier Spuren durchzuhupen, um links abzubiegen oder einfach an Ort und Stelle zur\u00fcckzusetzen. Oft genug kam einem auf der eigenen Spur einer entgegen. Generell gerne praktiziert wurde auch, sich an der Ampel rechts vorbei zu quetschen und dann vor allen Wartenden vorbei nach links zu queren. Wer einen Gel\u00e4ndewagen besa\u00df, f\u00fcr den waren auch die extra hohen Bordsteinkanten kein Hindernis. Fuhr man europ\u00e4isch oder mit Abstand, versch\u00e4rfte sich das Ph\u00e4nomen noch. Denn klebte man nicht an der Sto\u00dfstange des Vordermanns, zog immer wieder einer von rechts und links rein. Kurze Anmerkung: Das Frauenfahrverbot wird u. a. damit begr\u00fcndet, man wolle ein Verkehrschaos verhindern! Oder Frauen k\u00f6nnten beim Autofahren ihre Geb\u00e4rmutter verletzen und Kinder mit gesundheitlichen Problemen zur Welt bringen. Wie man in allen anderen L\u00e4ndern der Welt ja sieht &#8230;<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Am Beispiel der zwei uns zugeteilten Bodenm\u00e4nner \u201elernten\u201c wir bald<\/strong>, dass sie, wie auch die meisten anderen Arbeiter in diesem Land, meist unter falschen Versprechungen ins Land gelockt worden waren. Bei der Einreise wurden ihnen die P\u00e4sse abgenommen, womit sie ihren Arbeitgebern hoffnungslos ausgeliefert sind. Und dabei werden sie eben nicht gerade gut behandelt und bezahlt. Fast alle k\u00f6rperlichen Arbeiten werden von Millionen Gastarbeitern ausgef\u00fchrt. Zu denen wir auch geh\u00f6rten. Man wird ganz klar nach seiner Herkunft in eine Art Rassen-Hierarchie eingeordnet: ganz oben die Saudis und als letztes Arbeiter wie unsere Bangladeschi. Bei Gespr\u00e4chen hielten die Saudis es f\u00fcr einen Witz, dass in unserer Heimat deutsche Handwerker selbst k\u00f6rperlich auf schmutzigen Baustellen arbeiten w\u00fcrden. Selbst wenn wir in unserer nur leicht verschmutzten Arbeitskleidung in den Stra\u00dfen unterwegs waren, wurden wir ungl\u00e4ubig be\u00e4ugt. Streng nach dem Motto: Wer arbeitet, kann nichts wert sein!<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Jeden Morgen werden die Arbeiter auf LKWs um 5.00 Uhr in die Stadt gefahren und verteilt. P\u00fcnktlich zum Mittagsgebet ist Feierabend. Das sind die normalen Arbeitszeiten an sechs Tagen der Woche \u2013 bis auf Freitag, der im Islam vergleichbar mit unserem Sonntag ist. Ein Arbeiter verdient hier im Monat 350 Rial (70 \u20ac) plus Unterkunft und Essen. Viele haben diesen Job nur, um an eine Aufenthaltsgenehmigung zu gelangen und verdienen ihr Geld nachts mit Auto putzen oder sonstigen Nebenjobs. Das Problem an der Sache ist, dass sie oft einfach nur todm\u00fcde sind und auch gerne mal, wenn man nicht direkt wieder nach ihnen ruft, im Astschnitthaufen einschlafen. Schon am ersten Tag wurden wir von ihnen in Lohnverhandlungen verwickelt, an dem wir aber leider nichts \u00e4ndern konnten. Auch wenn wir gut verstehen, dass man f\u00fcr den Hungerlohn keinen Bock hat, zu arbeiten. Leider konnten wir hier die Welt nicht verbessern und mussten uns als G\u00e4ste mit den Regeln dieses Landes abfinden.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Anf\u00e4nglich hatten wir unsere Schwierigkeiten, den richtigen Umgang mit den Arbeitern zu finden.<\/strong> Wir wollten nicht zu hart sein, aber zu locker war auch falsch. Schnell wurde man dann in Diskussionen \u00fcber die Arbeitszeit verwickelt oder einfach ignoriert. Wir fanden einen f\u00fcr alle hoffentlich kollegialen und auch respektvollen Umgang miteinander und konnten die Arbeiten gut im Team ausf\u00fchren. Interessiert wurde jedes Teil der Ausr\u00fcstung inspiziert und gerne wurden unsere Kletterhelme aufgesetzt oder versucht, am Seil hochzuklettern. Ab und zu lie\u00dfen wir einen der Jungs unter Gejohle und Gel\u00e4chter der anderen Arbeiter ein wenig durch den Baum klettern. F\u00fcr die ist es einfach nur verr\u00fcckt, was wir da machen. So sammelten sich immer alle Arbeiter, die gerade in der N\u00e4he arbeiteten, unter unserem Baum und schauten uns zu. Da war es manchmal recht schwierig, \u00c4ste abzus\u00e4gen, ohne sie zu treffen. Sie aus dem Gefahrenbereich zu schicken, war nahezu unm\u00f6glich. Erstens wollte man gucken, und zweitens war es unterm Baum sch\u00f6n schattig. Helme f\u00fcr unsere Bodenm\u00e4nner zu organisieren, dauerte einige Zeit. Denn Arbeitssicherheit kennt man in Saudi Arabien f\u00fcr k\u00f6rperlich Arbeitende nicht.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Auch die Verst\u00e4ndigung zwischen uns und den Arbeitern entwickelte sich im Lauf der Monate immer besser. So herrschte auf der Baustelle ein Mix aus Bangla-Hindi-Englisch-Deutsch. Schon interessant, mit wie wenigen gemeinsamen W\u00f6rtern man eine Unterhaltung f\u00fchren kann. Der Versuch, die arabische Sprache in einem Sprachkurs zu erlernen, scheiterte bei mir an vielen Punkten: z. B. liest man Arabisch von rechts nach links, es gibt ganz andere Buchstaben und Zeichen. Es hat 28 Buchstaben, die aber, je nach Stellung im Wort, unterschiedliche Formen haben. Lange Vokale werden geschrieben. F\u00fcr kurze Vokale gibt es zus\u00e4tzliche Vokalzeichen \u00fcber den Buchstaben, die in der Regel nicht geschrieben werden. A oder U, das ist dann die Frage. Wir waren aber nur mit nicht arabisch sprechenden Arbeitern zusammen, die das von uns zu lernende Hocharabisch weder sprechen noch verstehen konnten. Die paar Brocken Stra\u00dfen-Arabisch, die wir aufschnappten, brachten unseren Sprachlehrer fast regelm\u00e4\u00dfig dazu, den Raum schreiend zu verlassen. Das alles waren Gr\u00fcnde, die meine Lust am Arabisch-Lernen schwinden lie\u00dfen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Eine unserer Baustellen, ein etwas gr\u00f6\u00dferer eukalyptusbaum und zwei kleinere Albizzien,<\/strong> war wegen ihres Standortes neben der US-Botschaft etwas komplizierter als der sonst eh schon chaotische Ablauf. 5 Uhr morgens, Einfahrt ins Diplomatic Quarter im Konvoi. Vorne unser Maintenance Manager, dahinter der zust\u00e4ndige Supervisor f\u00fcr das Viertel und zum Schluss Florian und ich. Die erste Stunde verbrachten wir damit, den arabischen Sicherheitskr\u00e4ften vor der Botschaft \u2013 deren Vorgesetzte allerdings schon vor einer Woche unsere P\u00e4sse und die Info erhalten hatten, dass wir auf die B\u00e4ume klettern \u2013 zu erkl\u00e4ren, was unser Vorhaben sei. Nach einiger Zeit durften wir mit den Arbeiten beginnen. Streng bewacht von Soldaten mit Maschinengewehren und direkt neben einem der kleinen MG-Gesch\u00fctzt\u00fcrme, die \u00fcberall im Diplomatic Quarter herumstehen und rund um die Uhr von zwei Soldaten besetzt sind. Der gr\u00f6\u00dfere Eukalyptus war nicht so problematisch. Wir durften sogar noch ein Foto vom Baum machen \u2013 f\u00fcr unseren monatlichen Arbeitsbericht f\u00fcr die verantwortlichen Saudis an ihren gro\u00dfen Schreibtischen. Allerdings dies nur unter Aufsicht und mit dem R\u00fccken zur Botschaft. Die zwei anderen B\u00e4ume standen jedoch direkt an der Mauer zum Wohnhaus der US-Botschafter. Also sagten wir gleich zu Beginn, dass wir in ca. einer Stunde weiterarbeiten w\u00fcrden \u2013 selbst in Riad genug Zeit, einen Anruf zu t\u00e4tigen. Man versicherte uns, die Sicherheitskr\u00e4fte vor Ort zu verst\u00e4ndigen, inschalla &#8230;<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Nach einer Pause wollten wir nun die zwei anderen B\u00e4ume bearbeiten. Doch der Polizist, der davor im Auto schlief, fand die Idee, dass zwei Kletterer praktisch \u00fcber dem Botschaftsgarten herumturnen, zun\u00e4chst gar nicht so prickelnd. Es wurde viel telefoniert und noch mehr Sicherheitskr\u00e4fte kamen. Nachdem nun endlich der hauptverantwortliche Sicherheitsmann vor Ort war, erlaubte man uns, mit der Arbeit an den B\u00e4umen anzufangen. Doch es gab ein neues Problem: Hatte man auch den amerikanischen Wachleuten hinter der Mauer Bescheid gegeben? Florian und ich wollten nicht in die B\u00e4ume klettern \u2013 um dann auf H\u00f6he der gro\u00dfen Mauer in den M\u00fcndungslauf einer MP zu schauen. Also, was tun? Manchmal ist es so einfach. Wir klingelten und die Amis waren einverstanden. Allerdings durften keine \u00c4ste \u00fcber die Mauer fallen, wir sollten in erster Linie nur den \u00dcberhang eink\u00fcrzen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Die Situation kennt man ja als Baumpfleger aus Deutschland: Der Nachbar will auf gar keinen Fall, dass \u00c4ste in seinen Garten fallen. Nur meistens sind diese Nachbarn nicht bewaffnet &#8230; und man schneidet nicht \u00fcber der Landesgrenze Saudi-Arabien zur USA, die es so sicherlich nur einmal auf der Welt gibt. Doch alles ging gut. Umstellt von vier saudi-arabischen Polizeiwagen und unter den wachsamen Blicken des US-Sicherheitsdienstes auf der anderen Seite der Mauer kletterten wir durch die B\u00e4ume. Ab und zu sahen wir, wie sich die Kameras auf uns richteten. Zum Schluss noch mit der Stangens\u00e4ge die Fein\u00e4ste aus dem NATO-Draht lesen und ab zum Pool &#8230; Ein ganz normaler Arbeitstag im Botschaftsviertel von Riad!<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Arbeitssicherheit und Absperrung wurden nicht so gro\u00df geschrieben,<\/strong> z. B. bei den B\u00e4umen, die direkt \u00fcber der Stra\u00dfe einzuk\u00fcrzen waren. Versuchten wir mit ein paar Absperrkegeln, so gut es ging, einen Gefahrenbereich zu markieren, stellte sich einer der Arbeiter an den ersten Kegel und versuchte, der Autowelle mit wedelndem roten Halstuch Herr zu werden. Mehrfach wurden die Kegel im dichten Verkehr \u00fcber- und umgefahren. Immer wieder mussten die Bodenm\u00e4nner wegspringen, um sich in Sicherheit zu bringen. Wir versuchten, gr\u00f6\u00dfere Astabschnitte so hinter den Kegeln zu platzieren, dass die Fahrer beim \u00dcberfahren der Kegel wenigstens auch ihre Karre demolierten. Das half ein wenig. Auf einer anderen Baustelle, der King Fahad Road, einer innerst\u00e4dtischen, sechsspurigen, autobahn\u00e4hnlichen Stra\u00dfe, mussten einige Kollegen zusammen mit Arbeitern das Lichtraumprofil schneiden. Alles \u00fcber laufendem Verkehr. Das lief so ab: Ein Arbeiter s\u00e4gte mit der Stangens\u00e4ge den Ast an, dann wurde es kurz hektisch und laut, ein zweiter zog kurz vor dem Durchschnitt mit einer anderen Stange daran und in einer kleinen Verkehrsl\u00fccke und mit viel Gebr\u00fcll wurde der Trennschnitt vollzogen und der Ast \u00fcber den Autos hinweg in den Gr\u00fcnstreifen gezogen. Im n\u00e4chsten Moment raste dort wieder ein Auto mit 120 Sachen vorbei. Leider kam es dort immer wieder zu schlimmen Unf\u00e4llen, bei denen Arbeiter \u00fcberfahren wurden.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Bei meinen Ausfl\u00fcgen am freien Freitag in die Sand- und Steinw\u00fcsten lernte man auch eine ganz andere Seite des Landes kennen.<\/strong> Wenn man, wie wir, keinerlei Interesse daran hat, einer \u00f6ffentlichen Hinrichtung beizuwohnen, wo Verurteilten unter dem Jubel der Menge mit einem Schwert der Kopf vom K\u00f6rper abgetrennt wird, fuhr man lieber wenige Kilometer aus der lauten Millionenstadt Riad heraus. Schnell war man in unendlichen Sand- und Schotterebenen, gro\u00dfen roten Sandd\u00fcnen, in riesigen Canyons und an mehreren hundert Meter hohen Abbruchkanten. Weit und breit kein Mensch zu sehen. Immer wieder fuhren wir raus, um riesige Ebenen mit riesigen Sandd\u00fcnen zu entdecken. Durchaus Spa\u00df hatten wir beim Brettern mit den Gel\u00e4ndewagen, Barfu\u00df-Sand-Laufen oder beim Sandboarden \u2013 Wintersport auf Arabisch.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">An einer Stelle in der W\u00fcste standen wir pl\u00f6tzlich vor einer riesigen, hohen Felswand. Ein gut 40 Meter breiter Tunnel verschwindet dort im Boden. Je weiter man \u00fcber das Ger\u00f6llfeld hinabsteigt, umso weniger M\u00fcll liegt dort. Denn wo kein Auto hinkommt, da ist auch kein Saudi und deshalb auch kein M\u00fcll! Man steigt gute 60 Meter tief in diese Riesenh\u00f6hle und steht unten pl\u00f6tzlich vor klarem, angenehm kaltem Wasser. Wenn man im Wasser untertaucht, kann man nur erahnen, dass sich diese R\u00f6hre noch ziemlich weit in den Berg hineinziehen muss. Recht unheimlich &#8230; F\u00fcr uns war es au\u00dfer einer Abk\u00fchlung im Wasser aber auch der perfekte \u00dcberhang \u2013 die H\u00f6hlendecke war quasi noch viel interessanter: perfekter Fels \u00fcber tiefem Wasser, angenehm k\u00fchle Temperatur und Schatten. Einfach genial. Wir kletterten und plantschten einige Zeit herum, bis wir wieder zur\u00fcck in die Realit\u00e4t mussten: hei\u00df, sandig und verm\u00fcllt. Bei unserem zweiten Besuch nahmen wir unsere Kletterschuhe mit \u2013 um tief unter der W\u00fcste Deepwatersoloing zu betreiben \u2013 schon verr\u00fcckt.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Immer wieder kommt man bei den Ausfl\u00fcgen an privaten Anlagen der Prinzen vorbei. Dort herrscht Luxus und V\u00f6llerei bis zum Gehtnichtmehr. Mitten in der W\u00fcste komplette, k\u00fcnstliche Gr\u00fcnanlagen, Rasen, kleine W\u00e4lder, Seen, vollklimatisierte Reithallen und Privatzoos. Teilweise wird f\u00fcr die Wasserversorgung bis zu 1.300 Meter tief gebohrt oder das Wasser \u00fcber viele Kilometer durch Pipelines bis zum Anwesen bef\u00f6rdert. Arbeiter halten immer alles bereit, falls der jeweilige Prinz mal vorbeikommt.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Da ich begeisterter Sportkletterer bin, suchte ich den Kontakt zu einer Gruppe internationaler Sportkletterer, die mir auch einige sehr sch\u00f6ne Ecken zum Felsklettern zeigten und mich auf W\u00fcstentrips mitnahmen. U. a. bekletterte ich mit einem Griechen den Faisals Pinacle: eine gute 140 Meter hohe Felsnadel mitten in der W\u00fcste. Wir Sportkletterer waren ein bunter Haufen aus allen Ecken und Religionen der Welt. Ab und zu kamen auch M\u00e4dels mit zum Klettern. Verwunderlich, denn ich hatte geglaubt, dass die einzigen Frauen, mit denen wir in unserer Zeit in Arabien reden sollten, die Stewardessen auf dem Hin- und R\u00fcckflug w\u00e4ren. Doch abseits von den Stra\u00dfen oder in den abgesperrten Wohngegenden, den sogenannten Compounds, wo Polizei und Religionspolizei nicht patrouillierten, gab es ein kleines St\u00fcck unserer Normalit\u00e4t. Auch f\u00fcr die Frauen selbst, die zwar saudisch waren, aber in den USA studiert hatten und es auch anders kannten. Nach dem Kletterausflug, auf dem Weg zur\u00fcck zum Parkplatz, versteckten sich die M\u00e4dels wieder unter ihren Abayas, wurden von ihren Fahrern abgeholt und verschwanden wieder in einer Parallelwelt.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\"><strong>Nach insgesamt vier Monaten in diesem Land, was teilweise wie ein Aufenthalt auf einem anderen Planeten erschien,<\/strong> ging es wieder zur\u00fcck nach Hause. Es war ein gro\u00dfes Abenteuer, man hat viel erlebt und einen gro\u00dfen Berg an neuen Erfahrungen gesammelt. Es gab viele Dinge, die einen verwunderten und erstaunen lie\u00dfen: Es ist ein Land der krassesten Gegens\u00e4tze. Auf der einen Seite eines der reichsten L\u00e4nder der Welt, auf der anderen Seite fast 35 % Arbeitslosenquote und Armut bei den vielen Arbeitern. W\u00e4hrend des \u00d6lbooms wurden viele ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte und Ingenieure ins Land geholt, danach wurde es vers\u00e4umt, eigene Landsleute auszubilden. Auch die Modernisierung und \u201eVerwestlichung\u201c des Landes kollidiert an vielen Stellen mit der Religion. Teilweise f\u00fchlte man sich, als w\u00e4re man im Mittelalter, nur eben mit iPhone und 8-Zylinder-Kamelen.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Die meisten Probleme hatte ich pers\u00f6nlich mit dem Gef\u00fchl der st\u00e4ndigen Beobachtung. \u00dcberall gab es eine gro\u00dfe Polizeipr\u00e4senz, st\u00e4ndig wurde man angesprochen und \u201ekontrolliert\u201c. Selbst wenn man sich nachmittags mal mit einem Buch in einen der Parks im DQ setzte, wurde man von Polizeipatrouillen angesprochen, was man dort mache. St\u00e4ndig wurde einem ein gro\u00dfes Misstrauen entgegengebracht. Oft sp\u00fcrte man eine herablassende \u00dcberheblichkeit der Saudis.<\/p>\n<p lang=\"de-DE\">Plant man einen Arbeitsaufenthalt, sollte man sich auf jeden Fall vorher auch intensiv mit seinem Gesch\u00e4ftspartner auseinandersetzen und sich diesen genau anschauen. Denn dort kann man ganz schnell ziemlich alleine dastehen, und nicht jede vorher genannte Leistung oder Vereinbarung wird dann sp\u00e4ter auch zutreffen. Die B\u00fcrokratie und organisatorischen Dinge sind auch sehr schwer zu verstehen \u201eBukkra inschallah \u2026 \u2013 Morgen, so Gott will\u201c Aber es sind Erfahrungen, die ich nicht missen m\u00f6chte, doch wird mein n\u00e4chster Trip nicht wieder nach Saudi-Arabien gehen.<\/p>\n<table border=\"1\" bgcolor=\"#E1E1E1\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>Der Autor: <strong>Tom Eckert<\/strong> (<a href=\"mailto:tom.eckert@berufskletterer.com\">E-Mail<\/a>)<br \/>\nEuropean Treeworker, Ausbilder der <a href=\"http:\/\/www.baumkletterschule.de\" target=\"_blank\" title=\"M\u00fcnchner Baumkletterschule\">M\u00fcnchner Baumkletterschule<\/a>, Selbst\u00e4ndig im Bereich Baumpflege und H\u00f6henarbeiten im Seil seit 2007<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<table border=\"1\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr bgcolor=\"#808080\">\n<td><font color=\"#FFFFFF\"><strong>Unser Tipp<\/strong><\/font><\/td>\n<tr>\n<td valign=\"top\" align=\"left\" bgcolor=\"#FFFFFF\">Haben auch Sie ein besonders heikles Baumproblem, bei dem Sie Hilfe brauchen?<br \/>\nAuf dem <a title=\"Das Baumpflegeportal\" href=\"http:\/\/www.baumpflegeportal.de\" target=\"_blank\">Baumpflegeportal<\/a> helfen Ihnen qualifizierte Fachleute weiter.<\/p>\n<p>Oder sind Sie selbst Profi-Baumkletterer? 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Wer Saudi-Arabien h\u00f6rt, denkt nicht sogleich an Baumpflege. Deshalb war Tom Eckert auch etwas verwundert, als Florian Cantner ihn fragte, ob er mit ihm in Saudi-Arabien B\u00e4ume pflegen wolle. 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