Zapfenpflücker*innen im Einsatz: Saatguternte

Zapfenpflücker*innen im Einsatz: SaatguternteZeit im Wald, Abende am Lagerfeuer, tiefsinnige Gespräche und einen nachhaltigen Job erledigen – so schön und erfüllend kann Saatguternte sein. Menschen klettern auf Bäume, um von ihnen das Saatgut für eine neue Generation von Waldpflanzen zu sammeln. Damit zählt die Tätigkeit von Zapfenpflücker*innen wohl mit zu den nachhaltigsten Bereichen der Baumpflege.

Saatguternte: vom Zapfensteigeisen zur Seilklettertechnik

Gesammelt werden nicht nur das Saatgut von Nadelbäumen, sondern auch die Samen von Laubbäumen. Jedes Saatgut kann einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr beziehungsweise einer bestimmten Jahreszeit zugeordnet werden, an dem es reif für die Ernte ist. Da die Saatguternte ein Bereich der Baumpflege ist, arbeiten Zapfenpflücker*innen in baumschonender Arbeitsweise mit Seilklettertechnik. In der Vergangenheit, zur Zeit der „Zapfensteiger“, wurden die hohen Waldbäume unter Einsatz spezieller „Zapfensteigeisen“ bestiegen. Mit der Seilklettertechnik wird inzwischen eine weitaus baumschonendere Methode verwendet. So ermöglicht der Einbau eines Aufstiegsseils einen verletzungsfreien Zugang zu den Bäumen.

Zapfenpflücker*innen im Einsatz: Saatguternte mit SKT
Carsten Kübler auf dem Weg zu den Zapfen. Baumschonende Seilklettertechnik hat die Zapfensteigeisen abgelöst.

Hinauf in die Krone zur Saatguternte mit Kletterseil und Kurzsicherung

Aufgestiegen in die oberen Wipfel der Krone wird mit Wechseltechnik, mit Kletterseil und Kurzsicherung. Die speziellen Sicherungs- und Aufstiegstechniken zum Zugang und zur Bewegung in den Kronen der hohen Waldbäume lassen sich in zusätzlichen Kursen erlernen. Learning by Watching und Learning by Doing sind selbstverständlich kein Ding der Unmöglichkeit, allerdings sollte in diesem Fall schon der Kontakt zu einem der zahlreichen in Deutschland vertretenen Saatguternteteams bestehen.

Jedes Jahr wird während der Saison in diesen Teams gern spekuliert, wie viele Kletter*innen wohl aktuell mit der Ernte beschäftigt sind. Es geistern Zahlen von 100 bis 250 Menschen durch die Forstämter der Republik. Wie viele es tatsächlich sind, ist allerdings in keinem Register erfasst. Da die Saatguternte ein Teilbereich der kletternden Baumpflege ist, steht es grundsätzlich jede*r Baumkletter*in frei, in diesen Bereich hinein zu schnuppern und erste Erfahrungen im Wald zu sammeln. Der Blick von außen auf die Saatguternte schwankt dabei zwischen der romantischen Vorstellung von Lagerfeueridylle im Wald bis hin zum Eindruck von kräfteraubender Arbeit in luftigen Höhen mit am Ende völlig verharztem Kletterequipment. Wahrscheinlich ist die Wahrheit am Ende eine Mischung aus beidem. Bei uns im Team kommt der Spaß jedenfalls nie zu kurz beim Pflücken. Da werden schon mal Gedichte durch den Wald geschmettert oder in dieser Saison unterhielt uns Adolpho aus Spanien hoch über den Wipfeln ganztägig mit seinem Gesang.

Saatgut gewinnen für die gesteuerte Aussaat und Anzucht

Doch wofür werden die Samen, die aus den Bäumen geholt werden, überhaupt benötigt; schmeißt ein Waldbaum seine Samenanlage doch eigentlich von allein zu Boden und sorgt für Nachkömmlinge? Die Antwort ist simpel: Das Saatgut wird für die gesteuerte Aussaat beziehungsweise gezielte Anzucht neuer Waldbäume genutzt. Geerntet wird für Baumschulen, Forstämter oder Saatguthändler. Das Saatgut wird entweder für die Aufzucht in eine Forstbaumschule gegeben oder nach dem Klengen direkt im Wald ausgebracht. Der Begriff des Klengens leitet sich übrigens von dem leise klingenden Ton – dem „Klang“ – ab, der beim Öffnen des Zapfens entsteht, wenn er seinen Samen freigibt.

Zapfenpflücker*innen im Einsatz: frisch geerntete Zapfen
Frisch geerntete Douglasienzapfen

Die Klenge, eine forstwirtschaftliche Einrichtung zur Saatgutversorgung, ist der Dreh- und Angelpunkt in Sachen Saatgutgewinnung. Frisch geerntetes Saatgut wird in Säcke gefüllt, gewogen, verplombt und dorthin transportiert. In diesen Betrieben, auch Samendarren genannt, wird die Samenanlage mechanisch von ihren jeweiligen Hüllen separiert und für die Aussaat im Wald oder den Anzuchtvorgang in der Baumschule vorbereitet. Meist verfügen diese Einrichtungen auch über große Saatgutlager, in denen große Bestände an verschiedensten Samen lagern und auf ihren Einsatz zur Wiederaufforstung unserer Wälder warten. Es ist sehr zu empfehlen, sich vor dem eigenen Einsatz in der Ernte solch einen Betrieb einmal anzuschauen und sich bei einer Führung durch die Anlagen den Vorgang der Saatgutgewinnung erklären zu lassen.

Geerntet wird Saatgut immer im Team

Bevor das Saatgut in der Darre lagert, hat es allerdings schon mehrere Hände durchlaufen und war in verschiedenste Säcke eingetütet. Es hat einen Sturz aus hoher Höhe überstanden und sich hoffentlich bei der Landung nicht über den kompletten Waldboden verteilt. Die erste Hand, durch die das Saatgut geht, ist die der Zapfenpflücker*innen. Mit Seil und Tagesration an Wasser und Nahrung ausgestattet erklimmen sie die Baumkronen, um dort die Zapfen zu ernten. Zuallererst wird allerdings ein Team benötigt, mit dem die Reise in die Wälder angetreten wird. Es besteht die Möglichkeit, sich bereits vorhandenen Saatguternteteams anzuschließen. Manchmal reicht es, sich bei Kolleg*innen ein wenig umzuhören. Eventuell ist es dann relativ unkompliziert, mit einem dieser Teams unmittelbar in die Erntesaison zu starten. Die andere Möglichkeit ist, sich direkt an einen Saatguterntebetrieb zu wenden oder Kontakt zu Baumschulen, Saatguthändlern oder Staatsforsten aufzunehmen. Solche Kontakte ergeben sich oft auch im Rahmen eines Kurses zur Saatguternte.

Zapfenpflücker*innen im Einsatz: Saatguternte oben im Baum
Die geernteten Zapfen werden direkt im Baum in Spezial-Säcke gesteckt.

Saatguternte: gute Vorbereitung ist alles

Saatguternte ist kein Hexenwerk, sicheres Arbeiten und Erfahrung in der Seilklettertechnik immer vorausgesetzt. Ansonsten heißt es im Grunde: Aufwärts und pflücken! Die geernteten Zapfen werden direkt im Baum in Säcke gesteckt, um diese, wenn sie voll sind, aus dem Baum kontrolliert in Richtung Boden zu schleudern. Jedoch bedarf es einiger Vorbereitung für diesen Vorgang. Es gilt, das richtige Team zusammenzustellen und das passende Material zu wählen. Außerdem muss eine Gefährdungsbeurteilung ausgefüllt werden und die potenzielle Rettung anhand eines erstellten Rettungsplans mit dem gesamten Team durchgesprochen werden. Das alles geschieht im Vorfeld, ohne auch nur einen Zapfen aus der Nähe gesehen zu haben.

Zeit für soziales Leben im Saatguternte-Camp

Dann kann es endlich losgehen. Am ersten Tag der Ernte treffen sich alle Teammitglieder, um für die Zeit der Ernte die Zimmer in einer gemeinsamen Unterkunft zu beziehen. Oft wird einfach ein Camp aufgeschlagen mit Zelten oder es entstehen kleinere Wagenburgen. Das Camp entspricht einem Basislager, in dem sich das soziale Leben außerhalb des Baumes abspielt: essen, schlafen, Katzenwäsche und Unterhaltungen am Lagerfeuer. In unserem Team, das in dieser Saison in der Südheide in Niedersachsen und im Ostharz unterwegs war, waren Menschen aus vier Nationen vertreten: Václav aus Tschechien, Robby aus Großbritannien, Adolpho aus Spanien – der Rest kam aus Deutschland. Da gibt es eigentlich immer etwas zu erzählen.

Zapfenpflücker*innen im Einsatz: Saatguternte-Team
Stets gut aufgelegt: Das internationale Zapfenpflücker-Team mit Mitgliedern aus Tschechien, Großbritannien, Spanien und Deutschland.

Da der Großteil der Zapfen seine Reife im Hoch- beziehungsweise Spätsommer erlangt, wird das Basislager meist recht früh am Morgen verlassen. Dann geht’s auf in das jeweilige Erntegebiet. Um so viel Saatgut wie möglich aus dem Wald zu holen, arbeiten Zapfenpflücker*innen für gewöhnlich vom ersten Sonnenstrahl bis zum Eintritt der Dunkelheit. Diese Arbeitsweise wird hauptsächlich an den Tag gelegt, wenn die Bezahlung pro Kilo im Vorfeld vereinbart wurde. Eine andere Möglichkeit ist die auf einem Tagessatz basierende Arbeit, bei der so viel Saatgut wie möglich innerhalb eines „regulären“ Arbeitstages aus den Bäumen geholt wird.

Sicherheit bei der Saatguternte: eine Person am Boden

In der Regel befinden sich bei den meisten Ernteteams alle Beteiligten den ganzen Tag in den Bäumen. In unserem Team arbeiten wir hingegen mit dem System der „schwebenden Person“ am Boden. Das bedeutet: Jeden Tag ist ein anderes Teammitglied für den Einbau weiterer Aufstiegs- und Rettungsseile, für das Schneiden der Zapfenprobe und für die Rettung verantwortlich. Manchmal teilen wir uns diese Position auch über den Tag hinweg und wechseln nach einem geernteten Baum. Wenn eine Rettung jedoch aus dem Nachbarbaum logischer und schneller möglich ist, so kümmert sich der Mensch am Boden um alle weiteren Schritte.

Diese Vorgehensweise ist meiner Meinung nach eine gute Sache, da der Ab- und Aufstieg aus 30 bis 50 Meter hohen Bäumen lebenswichtige Zeit kosten kann. Bei unseren Einsätzen muss sich das betreffende Teammitglied am Boden im Ernstfall nach Aktivierung der Rettungskette lediglich das vorher deponierte Rettungsset schnappen und kann sofort den Aufstieg zur Person in Not beginnen. Zum Glück ist dieser Fall noch nicht eingetreten, wir haben diese Arbeitsweise allerdings auch erst im Jahr 2019 eingeführt. Sie hat sich in der kurzen Zeit trotzdem schon als sehr praktisch erwiesen und hat gleichzeitig einen kleinen Erholungseffekt. Denn so hat jede*r mal einen Tag zum Verschnaufen, bleibt aber trotzdem wichtig für den Ablauf der Ernte, da man die Verantwortung für eine eventuelle Rettung trägt. Dieses System hat sich deshalb für uns sehr gut bewährt und ist vielleicht auch eine Anregung für andere Teams.

Fotos: Baumpflege Hundertmark


Der Autor: Josua Hundertmark

  • Baumpflege Hundertmark
  • in den Bäumen seit 2006
  • selbständig seit 2012
  • vorher angestellt bei der Firma Astwerk in Hamburg
  • seit 2018 freier Mitarbeiter beim Seilhersteller Courant
  • Markenbotschafter in Deutschland für die Firma Arbortec seit 2017
  • 37 Jahre, verheiratet, zwei Mädels (3,5 und 6 Jahre)

Dieser Beitrag ist zuerst im Kletterblatt 2022 erschienen.

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